Full text : Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

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unterlassen  zu  sollen  und  fügt  nur  noch  bei,  das;  hinsichtlich  des  Vertrages  mit
der  Schweiz,  welche  zum  Theile  die  Eingangszölle  bedeutend  erhöhte,  in  dem
diesseitigen  Bezirk,  dessen  Industrie  vorzugsweise  aus  das  Absatzgebiet  '  nach  der
Schweiz  angewiesen  ist.  keineswegs  große  Befriedigung  besteht;  die  Kammer  hofft,  daß
die  zum  Ausdruck  gekommenen  Befürchtungen  für  die  Industrie  sich  nicht  verwirklichen."
Handels-  und  Gewerbekammer  zn  Rottweil.
„Als  wichtigstes  Ereignis;  aus  dem  Gebiete  des  Handels-  und  Gewerbelebeuü
im  Jahre  18!J1  heben  wir  die  Handelsvertrags-Verhandlungen  bezw.  den  Abschluß
einer  Reibe  von  Vertragen  hervor.  Wir  möchten,  da  diese  Verträge  einmal  zu
Stande  gekommen  sind.  uns  über  dieselben  des  Näheren  nicht  mehr  äußern  und
nur  für  die  Zukunft  da,  aus  hinweisen,  daß  es  uns  in  erster  Linie  als  durchaus
verfehlt  erscheint,  wenn  beim  Abschluß  von  Handelsverträgen  die  allgemein  politische
Lage  gegenüber  den  rein  wirthschaftlichen  Verhältnissen  eine  derart  überwiegende
Berücksichtigung  ersährt,  wie  eS  bei  dem  genannten  Abkommen  in  der  That  zugetroffen ­
  ist.  Des  weiteren  möchten  auch  wir  immer  wieder  betonen,  daß  die
Kaufkraft  nicht  blos  unseres  Kammerbezirks,  sondern  diejenige  ganz  Württembergs,
ja  Deutschlands  zur  Zeit  immer  noch  im  Wohlstand  des  Bauern  liegt  und  daß
wir  deshalb  die  feste  Erwartung  nicht  unausgesprochen  lassen  wollen,  es  möchte  in
den  landwirthschaftlichen  Zollsätzen  eine  möglichste  Stabilität  herrschen,  und  somit
die  Hoffnung  eines  Theils  der  Reichstagsmitglieder  und  der  Presse  auf  weitere
Herabsetzung  der  landwirthschaftlichen.  namentlich  der  Getreidezölle  cine  trügerische
sein.  In  ähnlichem  Sinne  möchten  wir  unsere  besondere  Anerkennung  darüber
aussprechen,  daß  die  Handelsverträge  auf  einen  Zeitraum  von  12  Iabreu  abgeschlossen ­
  worden  sind:  wir  sehen  hierin  eine  Gewähr  dafür,  daß  unsere  Industrie
sich  wenigstens  in  stabiler  Weise  entwickeln  kann.  Noch  wollen  wir  erwähnen,
daß  die  Frage  der  Organisation  eines  Zollbeiraths,  wie  er  z.  B.  in  Oesterreich
und  der  Schweiz  besteht,  überall  lebhaftem  Interesse  begegnet.  Ein  solcher  hätte
in  erster  Linie  beim  Abschluß  von  Handelsverträgen  thätig  zu  sein  und  sich  außerdem
  namentlich  auch  bei  Zollstreitigkeiten  gutächtlich  zu  äußern.  —  Was  speciell
den  deutsch-schweizerischen  Handelsvertrag  anlangt,  so  fügen  wir  aus  einer  an  die
Handels-  und  Gewerbekammer  Stuttgart  unterm  6.  Januar  d.  I.  gerichtete
Aeußerung  noch  an,  daß  dieser  Vertrag  nach  unseren  Erhebungen  bei  keinem
Interessenten  unseres  Bezirks  sympathische  Aufnahme  gefunden  hat.  Namentlich
wird  die  Leder-,  Uhren-,  Stroh-  und  Textilindustrie  und  auch  der  Handel  mit
fertigen  Schuhwaaren  und  Kleidern  durch  die  neuen  Tarifsätze  schädlich  getroffen.
Wenn  auch  nicht  zu  befürchten  ist.  daß  diese  Industriezweige  schon  in  allernächster
Zeit  ihre  Absatzgebiete  in  der  Schweiz  vollständig  verlieren,  so  werden  die  letzteren
jedenfalls  jetzt  schon  start  und  mit  Rücksicht  auf  das  unter  dein  bedeutenden  Zollschutz ­
  voraussichtlich  eintretende  Emporblühen  der  betreffenden  schweizerischen
Concurrenzgeschäfte  in  Zukunft  immer  mehr  reducirt  werden.  Trotz  dieser  Befürchtungen
  wollen  wir  nicht,  wie  es  eines  unserer  Mitglieder  gethan  hat,  beantragen,
  es  möchte  unter  solchen  Umständen  auf  einen  Handelsvertrag  mit  der
Schweiz  seitens  des  deutschen  Reichstags  überhaupt  verzichtet  werden,  bis  Ver-Haltnisse
  eintreten  unter  denen  sich  ein  günstigerer  erzielen  ließe;  allein  wir  sind
der  Ansicht,  daß  diese  schweren  Schädigungen  der  deutschen  Industrie  durch  den
schweizerischen  Handelsvertrag  bei  den  bezüglichen  Reichstagsverhandlungen  zur
Sprache  gebracht  werden  sollten."
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