thumbs: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 41 
Zwar gab sie in Folge von Mißverständnissen bisweilen Anlaß 
zur Gründung unsittlich-pantheistischer Sekten, wie der Brüder 
vom freien Geiste, doch stiftete sie bei weitem mehr Segen in 
den stillen Gemeinden der Gottesfreunde, bis sie, geläutert durch 
die ruhigere Auffassung der Brüder des gemeinen Lebens, bei⸗ 
trug zur großen Revolution der Geister im Zeitalter Luthers. 
Es ist klar: sie will im letzten Grunde eine Ertödtung der 
Individualität zum Zwecke des völligen Aufgehens, der Ver— 
zückung in Gott. Aber was sie sicher erreichte, war die denk— 
bar stärkste Hinweisung auf die Eigenart, die subjective Be— 
anlagung jedes Menschen in sittlicher, wie intellectualer Be— 
ziehung: eine Wahrheit, welche den höheren Ständen schon 
länger bekannt jetzt zum ersten Male auch den untersten Schichten 
des Volkes gepredigt ward. 
Nicht minder bahnte die Mystik auf rein religiösem Ge— 
biete eine Zukunft völliger Umgestaltung an; sie weckte für 
immer unzerstörbar das religiöse Bedürfniß des Einzellebens. 
Mochte immerhin das alte System der Kirche einstweilen fort 
bestehen, von unten her strebte die Laienwelt stets dringender 
nach thätiger Theilnahme am Gottesdienst. 
Lat klingen hellen süezen klanc, ir lein in kirchen, 
ir pfaffen in den koeren, 
diese Worte wurden bald zum Rundreim in den bescheidensten 
Forderungen der Laienweli. Schon Tauler wirkte eifrig für 
die religiöse Lyrik, bald ertönte deren Gesang überall, mit oder 
ohne Willen der Kirche, auf Bittgang und Pilgerfahrt, in der 
Kirche, auf Dult und Messe. Eine volle Reception des religiösen 
Liedes aber als unerläßlicher Theil des Gottesdienstes erfolgte 
erst mit der Krise des 16. Jahrhunderts. 
Minder heilsam war der Einfluß der mittelalterlichen 
ohilosophischen Anschauung, wie sie die Mystik der Menge er⸗ 
öffnet hatte, auf Volk und Indibiduum. Dieser Einfluß er— 
scheint allerdings weniger deutlich, aber sicherlich hat er mit 
beigetragen zu dem Entstehen jener nebelhaften und phantastischen 
Vorstellungen vom Zusammenhange der natürlichen Dinge mit
	        
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