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I. Buch. Production und Consumtion.
giebigen Unterhalt! Wie viele finden als Kutscher, Diener, herrschaftliche
Jäger eine sorgenfreie Existenz!
Sodann ist aber der Luxus und selbstverständlich überhaupt die Zu
nahme der menschlichen Bedürfnisse, auch derjenigen, welche sich innerhalb der
Grenzen der standesmäßigen Lebensweise halten, ein mächtiger Ansporn zur
Vermehrung der volkswirtschaftlichen Thätigkeit im allgemeinen und zur Hebung
der Civilisation. Ja es kann mit Sicherheit behauptet werden, daß unter
gewissen Umständen eine Steigerung der Bedürfnisse auch von günstigen sitt
lichen Folgen begleitet ist. Die Vorliebe für ein sauber gehaltenes, mit Bil
dern, Vorhängen u. s. iv. geziertes, nett möblirtes Heim wird die gute
Folge haben, daß der Arbeiter lieber zu Hause bleibt, sich im Kreise seiner
Familie wohler fühlt und eher geneigt ist, sich durch angemeffene Lectüre zu
unterhalten und fortzubilden. Die Ausgaben für populäre Concerte edlerer Art
sind sicher ersprießlicher als jene in schmutzigen Kneipen für berauschende Ge
tränke und zur Befriedigung der Spielwuth. Ein reichlicher besetzter Tisch
macht zur Arbeit lustiger und wird den Konsum von Branntwein und auch
von Bier vermindern, zu welchem Arbeiter so oft ihre Zuflucht nehmen, um
für die Unzulänglichkeit ihrer Kost Ersatz zu finden. Ueberhaupt ist gänzliche
Bedürfnißlosigkeit meist nur auf der niedersten Culturstufe anzutreffen. So
lange der Mensch sich noch auf dieser befindet, verlangt er nur nach Sättigung
und nach Befriedigung der niedrigsten Triebe. Gewisse Indianer- und Neger
stämme sind noch heutzutage die unglückseligen Repräsentanten einer solchen
Lebensweise. Sobald die Menschen gesitteter werden, erwachen neue Bedürfnisse.
Sie bedürfen einer complicirtern Wohnung, in welcher das Anstandsgefühl nicht
durch widerliche Promiscuität verletzt wird, vollständigerer Kleidung u. s. w.
Auch in sanitärer Beziehung ist ein höherer Grad der culturellen Entwicklung,
z. B. eine kostbarere und bequemere Kleidung, unter Umständen von bedeutendem
Werthe. Als sich der Gebrauch der leinenen Wäsche, die bisher nur von den
Reichen getragen wurde, im 14. Jahrhundert unter der breiten Masse der Bevölke
rung verbreitete, welche sich bis dahin nur in Wollstoffe und verarbeitete Felle
gekleidet hatte, wurde dem Ueberhandnehmen der Hautkrankheiten eine Schranke
gesetzt. Auf intellectuellem Gebiete aber war das gesteigerte Bedürfniß nach
Lectüre im 15. Jahrhundert die Ursache der Erfindung der Buchdruckerkunst
Nachdem wir einen Blick auf die Consumtion im allgemeinen geworfen, haben
wir uns nun mit den besondern Arten derselben zu beschäftigeu und zu unter
suchen, inwieweit die öffentlichen Autoritäten die Consumtion beeinflussen und
den auf diesem Gebiete zu Tage tretenden Uebelständen vorbeugen können.
' Siehe über diesen Gegenstand Claudio Jannet, Le capital, la spéculation et
la finance au XIX e siècle (Paris 1892) 4 ss.