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II. Buch. Der Güteraustausch.
da sie zum großen Theil in der Hingabe vertauschbarer Güter bestehen, deren
Preis bekannt ist. Dagegen entziehen sich die nationalen der genauen Schatzung.
Sie sind von einem höhern Gesichtspunkt als von demjenigen der gewöhn
lichen Buchführung zu betrachten und wechseln im Anschlüsse an die Ver
änderungen, die sich in den natürlichen Productionsbedingungen des betreffenden
Landes und in der geistigen und sittlichen Veranlagung seiner Bewohner voll
ziehen. Es ist von größter Bedeutung, wenn ein Land günstigere Bedingungen
hinsichtlich der Productionskosten besitzt als andere Staaten und Gebiete. Wenn
irgendwo mit gleichem Kapitalaufwand mehr Getreide oder Wein erzeugt wird
als in andern Landern, sei es nun daß der Boden von außergewöhnlicher
Fruchtbarkeit ist, oder daß sich die Bewohner durch Fleiß und Geschicklichkeit
auszeichnen, so wird der Preis dieser Erzeugnisse bei gleicher Nachfrage wohl
feiler sein oder eine gewinnbringende Ausfuhr derselben stattfinden können,
und die letztere wird allerdings eine Preissteigerung zur Folge haben, aber
dementsprechend auch Geld in das Land bringen. Dies aber führt wieder
dazu, daß sich die productiven Unternehmungen vermehren und die Nachfrage
nach Arbeit und damit der Arbeitslohn steigt 1 . Andererseits darf aus der That
sache, daß die nationalen Productionskosten eines Volkes günstiger sind als die
eines andern, noch nicht gefolgert werden, daß die Mehrheit der Bevölkerung > in
erstem Falle besser daran ist als im letztem. Eine für die große Maste der
Bevölkerung vortheilhafte Eigenthumsvertheilung geht mit dem natürlichen Reich
thum eines Landes oder mit der Vortheilhaften Gestaltung der Verhältnisse'
von denen die Exportfähigkeit desselben abhängt, durchaus nicht immer Hanb
in Hand.
Von den beiden Arten von Kosten sind die privaten Productionskostett
von größerem Einfluß auf die Gestaltung der Marktpreise als die nationalen-
Wenn z. B. die Industriellen für dieselbe Arbeitsleistung mehr Lohn und
einen höhern Darlehenszins als früher zahlen müffen, so vermehren sich ^
Productionskosten ihrer Erzeugnisse, und sie können, wenn die übrigen Au?'
lagen, die sie machen müssen, sich gleich bleiben, nicht mehr so billig
kaufen wie zuvor. Eine Steigerung der nationalen Productionskosten hat 1,1
diesem Falle nicht stattgefunden. Das Analoge gilt von einer Veränderung
der Verhältnisse in der Richtung der Verbilligung der Arbeitslöhne u. s-
Wenn hingegen infolge arger Bedrückung der Landleute, wie sie heutzutage
durch wucherische Ausbeutung beim Verkauf ihrer Producte in gewissen Länder"
des europäischen Ostens nur zu oft vorkommt und wie sie im Mittelalter
i Siehe die Hinweise auf die Definitionen des Begriffs der Produktionskosten'
welche verschiedene Schriftsteller geben, sowie mancherlei Beispiele über die Gcstaltu"
dieser Kosten bei Roscher a. a. O. § 106, S. 206 ff.