Full text : Geschichte des Zentralverbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und des Vorarlbergs und ihre wirthschafts- und sozialpolitischen Ergebnisse

Ill

Ansicht  kommen,  daß  sie  gleich  wie  der  Minimallohn  auch  nicht
alle  Hoffnungen  realisirte,  welche  ihre  Wiege  umschwebten.
Man  darf  sich  nicht  verhehlen,  daß  ihr  alle  Schattenseiten
des  Miiiimallohnes  anhaften,  sie  ist  gleichsam  dessen  legitimes
Kind  lind  als  Lohnkorrektur  einer  Lohnkorrektnr  die  oberste
Sprosse  einer  künstlichen  Lohnregelung.  Die  engste  Verwandtschaft
  und  völlige  Unzertrennlichkeit  vom  Minimallohn
ist  vielleicht  der  beste  Bürge  für  ihre  Fortexistenz.  Sie  abschaffen,
  lviirde  nur  die  Einleitung  zur  Abschaffung  des
Minimallohnes  sein.  Allch  er  allein  wird  der  Erstellullg
von  Lagern  hindernd  in  den  Weg  treten  liild  die  Waarenausgabe
  in  der  Saison  morte  hemmen,  und  will  inan  der
Spekulation  wieder  einen  gewissen  Spielraum  in  der  Stickerei
einräumen,  so  muß  auch  er  fallen.  Weil  aber  die  Arbeitgeber ­
  an  der  Forterhaltung  des  Minimallohnes  ein  großes
Interesse  besitzen,  werden  sie  seinen  Sprößling  Klassifikation
lieber  mit  in  den  Kauf  nehmen  als  mit  dessen  Beseitigung  die
Beseitigung  des  ersteren  einzuleiten.
*  *
Im  Jahre  1887  griff  der  Verband  zunr  ersten  Male  Boykott  gegen
zu  einer  Waffe,  welche  in  der  Geschichte  der  Industrien  viel-  verbandsleicht ­
  einzig  dasteht,  zum  sogen.  Boykott  oder  zur  Sperre.
Sechs  Exportfirmen  hatten  sich  bis  dahin  vom  Verbände
ferngehalten,  worunter  eine,  welche  als  bedeutend  konnte  bezeichnet ­
  werden.  Die  betreffenden  Firmen  wilderten  munter
darauflos  zum  Schaden  der  Verbandsfirmen;  Minimallohn
und  rednzirte  Arbeitszeit  existirten  für  sie  nicht,  und  unter
12,000  Arbeitnehmern  befinden  sich  immer  solche,  die  aus
Beschränktheit  oder  ans  Verlegenheit  Unterschlauf  geben,  d.  h.
in  diesem  Falle  für  die  betreffenden  Firmen  arbeiten  u.  s.  f.  Den
Verbandsfirmen  machten  jene  wilden  bedeutende  Konkurrenz,
waren  sie  doch  in  der  Lage,  billiger  zu  produziren  als  die
ersteren.  Man  versuchte,  die  betreffenden  Firmen  zuerst  auf
dem  Wege  gütlicher  Verhandlungen  für  den  Verband  zu  ge-
            
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