10. Vorteile und Gefahren der Konzentrationsbewegung rc. 301
Was die Einwirkung der Konzentrationsbewegung auf die Funktionen und die
Gestaltung der Börse betrifft, so ist es eine Tatsache, daß durch das Zusammen
strömen der Aufträge bei den großen Banken diese bis zu einem gewissen Grade auf
dem Wege der K o m p e n s a t i o n der Kauf- und Verkaufaufträge ihrerseits
Funktionen der Börse übernehmen, während sie nur den nicht kompen
sierbaren Teil dieser Aufträge an die Börse bringen. Dies gilt gleichermaßen auf
dem Gebiete des Wertpapierhandels, also sowohl auf dem Kapitalmarkt wie
auf dem Gebiete des Diskontverkehrs, also auf dem Geldmarkt.
So kommt es, daß die bereits durch die Börsengesetzgebung in hohem Grade
desorganisierte Börse in immer wachsendem Umfange große Mengen des für eine
richtige Preisbildung unerläßlichen Materials einbüßt, also von neuem ge
schwächt wird, ein Umstand, der namentlich in kritischen Zeiten überaus bedenk
liche Folgen zeitigt.
Daraus ergibt sich dann auch, daß die Börse die für die Gesamtwirtschaft und
den Wertpapierverkehr unerläßliche Eigenschaft immer mehr verliert, nicht nur das
feinste Meßin st rument, sondern auch ein „beinahe automatisch wirkender R e -
gulator der an ihr zusammenströmenden wirtschaftlichen Bewegungen" zu sein,
und daß sie immer weniger in der Lage ist, „durch ihre Kursbewegung die gesamte
öffentliche Meinung über die Kreditwürdigkeit und die Art der Verwaltung der
meisten Staaten, Kommunen, Aktiengesellschaften und Korporationen" einerseits zum
Ausdruck zu bringen und andererseits zu kontrollieren.
Auf diese Weise muß die Preisbildung und die Preisnotierung an
der Börse, welche letztere früher, soweit dies überhaupt erreichbar ist, ein untrügliches
Spiegelbild „der sonst nirgends in dieser Zuverlässigkeit zusammengefaßten und in
ihrer Gesamtheit sonst nirgends derart erkennbaren wirtschaftlichen Vorgänge", also
namentlich von Angebot und Nachfrage, darbot, sowohl an Genauigkeit wie
an Stetigkeit und Sicherheit verlieren, und das ist im öffentlichen Interesse überaus
bedauerlich.
Zudem steht zu befürchten, daß auf diesem Wege, der zugleich immer mehr die
Ausschaltung von Vermittlungsorganen (Maklern usw.) bedingt,
ein auf die Dauer immer schärfer werdender Gegensatz zwischen Banken
und Börse sich herausbilden könnte, der gleichfalls sehr bedenklich wäre. Dieser
Gegensatz aber würde seinen Ausdruck finden nicht nur in einer gewissen, schon bisher
vielfach erkennbar gewesenen Spannung zwischen Banken und anderen Börsen
interessenten, sondern auch auf dem eigensten Gebiete der Börse, der Preisbildung.
Tatsächlich werden heute bereits von sachkundiger Seite die Begriffe: Bank und
Börse, die von manchen, was allerdings durchaus unrichtig ist, als völlig gleich
bedeutend hingestellt werden, vielfach als direkte Gegensätze bezeichnet, was ebenso
wenig richtig ist.
Von sozialistischer Seite hat man als unabweisbares Ergebnis der fast auf allen
Gebieten erkennbaren Konzentrationsbewegung vorausgesetzt, daß sich auf der einen
Seite alles Kapital und alles Einkommen, auf der andern alles Elend und
alle Armut in stets größerem Umfange ansammeln werde. Diese Folge ist nicht
eingetreten und wird wohl auch in der Folge nicht eintreten. Die sozialistische Ver
elendungstheorie ist vielmehr gerade im Lauf der Konzentration in Industrie und
Bankwesen ad absurdum geführt worden; Kaufkraft und Lebenshaltung der Ar
beiterschaft hat sich gehoben, das Einkommen der mittleren und unteren Klassen hat
sich relativ mehr erhöht als das der oberen, und es sind in stets wachsendem Um
fange Mitglieder der unteren in die oberen Klassen aufgestiegen.
Auch die andere von sozialistischer Seite vorausgesagte Konsequenz der Konzen
trationsbewegung, daß sie schließlich zu der von jener Seite erstrebten und im „Zu-