Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

113 
Gegensätze kaum anzutreifen. Ein Streit über etwaige Ein- 
Iheilung in Schulen ist daher ganz überflüssig. Gournays Be 
deutung besteht in der Einwirkung auf Quesnay und auf Turgot. 
Der letztere ist aber wiederum nur als ein sichtender Dar 
steller der Hauptlehren Quesnays anzusehen, die er in seiner 
Weise mit einigen, dem gesunden Verstände zu verdankenden 
Berichtigungen wiedergab. 
Wenn also Einige von drei besondern Schulen oder Richtun 
gen reden wollen, die den Namen Quesnay, Gournay und Turgot 
entsprächen, so ergiebt dies ein ganz falsches Bild. Gournay, 
der nichts Eignes veröffentlichte, sondern seine Manuscripte 
unbekümmert seinen Freunden zur Verfügung stellte und bei 
der Abfassung der späteren so verfuhr, als wenn die früheren 
noch gar nicht dagewesen wären, muss vorwiegend als eine blos 
anregende Persönlichkeit betrachtet werden, Turgot aber war 
ungeachtet seiner universellen Richtung und seiner vielseitigen 
Talente doch kein Schöpfer eines ökonomischen Gedankens von 
solcher Erheblichkeit, dass sich daran eine besondere System 
gestaltung hätte knüpfen lassen. Das Vorherrschen der einen 
oder andern Denkphysionomie in der Anhängerschaft giebt noch 
nicht das Recht, von ernstlichen Schul- und Systemverzwei 
gungen zu reden. Wohl aber hat der zuletzt Genannte durch 
sein Ministerium eine praktische Bedeutung gehabt, die für die 
Physiokratie nicht gleichgültig blieb. Ehe wir jedoch hievon 
reden, müssen wir noch der Art und Weise gedenken, wie 
Quesnay die Handelsbilanz auffasste. In einer der „Maximen”, 
von denen er zuerst ein paar Dutzend und schliesslich noch ein 
halbes Dutzend aufstellte, behauptete er, dass die günstige 
Bilanz sogar schädlich sein könne. Einen klaren Einblick in 
den Sinn und die Schranken seines Gedankens verstattet jedoch 
besonders eine Aeusserung in dem ersten Dialog vom Handel, 
wo zur Widerlegung der Bilanz Vorstellungen die Meinung geltend 
gemacht wird, dass sich auf Kosten der andern Nationen kein 
Gewinn machen lasse. „Ein gerechter und guter Gott”, sagt 
er (Physiokratie II S. 135), „habe gewollt, dass dies unmöglich 
sei, und dass der Handel, wie er auch ausgeführt würde, immer 
nur die Frucht eines offenbar gegenseitigen Vortheils wäre.” 
Hier haben wir die ganze Einseitigkeit der so oft wiederholten 
Antibilanztheorie in ihrer optimistischen Verkennung der mensch 
lichen Beziehungen und mit ihrer billigen Hypothese eines 
Dühring, Goschichte dor Nationalökonomie. 2. Auflage. 8
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.