Geschichte und Sozialwissenschaft.
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•sind die „Fakten“ schon in sich eitel Zusammenhang;
sie fordern daher eine grundsätzlich andere Art ihrer Verknüpfung her
aus. Wir haben uns freilich gewöhnt, von „Ursache und Wirkung“
auch dort zu reden, wo „Fakten“ kausal verknüpft werden. Doch
klingt es dem geschulten Ohre schon einigermaßen naiv, fragt man
etwa nach den „Ursachen“ der französischen Revolution, als handelte es
sich um eine Pulverexplosion, und als ob die Kausalerklärung mit jener
gewissen Unterscheidung zwischen „bedingenden“ und „auslösenden“
Ursachen ihr Auslangen fände, die selbst im Bereiche des phänomeno
logischen Denkens nicht ernst zu nehmen ist. Hier wird es also fühl
bar, daß uns die theoretische Einsicht darin fehlt, wie man eigentlich
die „Fakten“ kausal verknüpft. Es liegt ja auf der Hand: muß die
Methodologie mit zweierlei Tatsachen rechnen, dann auch mit
zweierlei Kausalitätl
Sozialwissenschaft und Geschichte finden also auch darin zusammen,
daß sie beide ihre Tatsachen im Geiste der noetischen Kausalität
erklären. An zweiter Stelle sind daher die spezifischen Formen dieser
Art Kausalität zu untersuchen. Es stellt sich dann heraus, daß unseren
Disziplinen weder die „Erklärung aus der Ursache“, noch die „Er
klärung aus dem Zweck“ den Charakter verleiht. So ist es ein Streit
um des Kaisers Bart, der darüber so heftig geführt wird. „Ursachen“
kennt die noetische Kausalität überhaupt nicht. Schon das Problem
der Erklärung ist hier ganz anders gestellt. Da liegt stets ein in sich
zusammenhängendes Geschehen vor, dessen Verlauf nun restlos auf Be
dingungen zurückzuführen ist, die sich in zwei Arten sondern: einerseits
die „Dominanten“, als die primären, dem Geschehen selber inhärenten
Bedingungen seines Verlaufs, zur anderen Seite die sekundären Be
dingungen, die in der objektiven Sachlage wurzeln, die „Determinanten“.
Die „Erklärung aus dem Zweck“ aber ist nur ein hand
liches Surrogat der noetischen Kausalerklärung. Das
Schema von „Zweck und Mittel“ hat sich das praktische Handeln für
seinen eigenen Vollzug zurecht gelegt. Darum sind wir als Handelnde
stets versucht, über die Dinge des Handelns in diesen „pragmatischen“
Kategorien zu denken. Auf dieses bloße Surrogat der Erklärung
schränkt sich übrigens die Praxis des Wissenschaftsbetriebes absolut
nicht ein. Nur die Theorie will uns gelegentlich einreden, daß unsere
Disziplinen auf die „Erklärung aus dem Zweck“ angewiesen seien.
Zwischen diesen „pragmatischen“ und den kausaltheoretischen Kate
gorien besteht überhaupt nur ein schiefer Gegensatz, der uns über die
Eigenheit unserer Disziplinen niemals aufklären kann; dazu bedarf es