6. Die Konsumvereine. 179
12*
wie vollständig aufgehört; die deutschen Warenhäuser sind mit deutschen Waren an
ihre Stelle getreten.
Müssen wir somit den Großbetrieb im Kleinhandel als eine auf den übrigen
wirtschaftlichen Gebieten seit lange eingetretene und immer weitere Fortschritte machende
Erscheinung ansehen, die sich im Interesse der Konsumenten und unserer heimischen
Industrie bewährt hat, so dürfen die Einwürfe nicht übergangen werden, welche man
gegen die Warenhäuser bezüglich ihres Neklamewesens und ihrer vermeintlichen An-
recllität vielfach erhebt.
Man tadelt, daß manche Warenhäuser einzelne Artikel ohne Gewinn oder gar
mit Verlust verkaufen, daß sie die Kunden durch Gratiszugaben, z. B. von Photo
graphien, anlocken, daß sie nur oder vorzugsweise Schundwaren führen.
Wir wollen gar nicht leugnen, daß in diesen wie vielleicht noch in anderen Be
ziehungen unerfreuliche Züge des Kleinverkaussgeschäftes durch die Warenhäuser schärfer
ausgeprägt sind. Aber vorhanden waren sie auch schon früher, sie sind keine Eigen
tümlichkeiten des Warenhausbetriebes. Von altersher gibt der Krämer dem ein
kaufenden Dienstmädchen oder Kinde ein Geschenk in den Kauf. Auch der abnorm
billige Verkauf einzelner Warengattungen, sei es zu Reklamczwecken, sei es zur Räumung
unbeliebter Ware, ist eine auch außerhalb der Warenhäuser weit verbreitete Abung.
Billige und schlechte Waren endlich führen auch viele Kleingeschäfte, die mit Waren
häusern nichts gemein haben. Bei den Warenhäusern wird ein derartiges Geschäfts
gebaren nur sichtbarer, weil es im Großen betrieben wird.
Aber solche unerfreuliche Erscheinungen im Geschäftsleben tragen ihre Korrektur
in sich selbst, weil das Publikum durch eigene Erfahrungen und durch die Mitteilungen
der Konkurrenten bald zur richtigen Erkenntnis gebracht wird.
Daß aber Anreellität in den großen Hellen Sälen eines Warenhauses, unter den
Augen von Hunderten von Angestellten aus die Dauer geübt werden könnte, erscheint
viel unwahrscheinlicher, als daß dies in dem Laden eines Kleinkrämers geschieht.
Anreelles Geschäftsgebaren soll stteng geahndet werden, aber dies hat nicht durch
die Steuergesetzgebung, sondern durch die Strafgesetzgebung zu geschehen.
6. Die Konsumvereine.
Von Heinrich Herkner.
kserkner, Die Arbeiterfrage. 2. Anst. Berlin, Z. Guttentag, 1902. 5. PO-M und
S. ^58—^62.
Eine Verbesserung der Arbeiterlage kann u. a. dadurch erfolgen, daß bei gleich
bleibenden Lohnbezügen die Preise der Bedarfsartikel eine Ermäßigung erfahren; es
verdienen daher alle Veranstaltungen, welche eine bessere oder billigere Bedarfsdeckung
bezwecken, die volle Aufmerksamkeit der Sozialpolitiker. Letztere stellen sich deshalb in
der Regel der Besteuemng notwendiger Lebensmittel feindlich gegenüber. And in der
Tat, soweit derartige Steuern nicht an Stelle einer fehlenden direkten Besteuerung der
kleinen Einkommen getreten sind oder der Ertrag dieser Steuern lediglich im speziellen
Interesse der Arbeiter wiederverwendet wird, widerstreiten sie dem Grundgedanken der
sozialen Reform. Run hat aber die Entwicklung der überseeischen Konkurrenz in der
Landwirtschaft viele Staaten veranlaßt, Zölle auf Agrarprodukte einzuführen, also teil
weise eine Belastung notwendiger Lebensmittel wie Getteide, Fleisch, Butter, Eier,