Abschnitt III.
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und Weltwirtschaft, gilt von Staat, von Volk, von Universität und
Kirche und so die ganze Reihe dieser Lebenswirklichkeiten durch-
nur daß da überall Kreisschluß, Zusammenspiel und Einpassung un
gleich verwickelter zutreffen als bei dem schlichten Zweckgebilde der
Unternehmung.
Das lebenstheoretische Denken erfaßt also die Gebilde stets als
wirkende Einheiten von gestalthaft verbürgter Dauer. Da bleibt kein
problematischer Rest zurück 1 Diese Gebilde sind in genau dem
gleichen Ausmaß von der Daseinsform des Lebens, wie sie durchschau
bar, also geistig zu entfalten möglich sind. Ihre tatsächliche Erschließung
mag der Wissenschaft gelegentlich noch so schwer fallen, verwickelt,
wie sie selber und erst recht durch ihre Eingebundenheit ineinander
sind: niemals und nirgends begegnet hier das begriffliche Denken
einem grundsätzlichen Widerstande, keinen Rätseln wie im organischen
Leben, keinen Abgründen wie im persönlichen Leben. Das lebens
theoretische Denken aber packt die Gebilde gleich als solche, als
Lebenswirklichkeiten. Und dieser Griff ins Wesenhafte führt sicher
an Gefahren vorbei, denen das leistungstheoretische Denken unentrinn
bar erliegt. Dieses Denken zerrt ja aus den Gebilden stets nur die
Beziehung zwischen Ziel und Leistung heraus, es erfaßt also im besten
Falle nur Leistungsgestaltung, wenn es nicht überhaupt bloß an ober
flächlichen Größenproblemen hängen bleibt. Ganz übersehen kann die
Gebilde auch dieses Denken nicht. Aber es konstruiert sie nur ent
weder „individualistisch“ von den Individuen her, als deren Beziehungs
systeme, als Verbände u. dgl., oder es rollt dieses Denken das
menschliche Zusammenleben von mystischen Gesamtheiten her und
gegen die Individuen hin auf, „universalistisch“. Das lebenstheoretische
Denken hingegen, als ein problembewußtes Denken in Gebilden,
Weiß ebensowohl den hohlkonstruktiven „Individualismus“ zu vermeiden
wie auch die flachmetaphysische Verstiegenheit des „Universalismus“.,
Immer nur scheinbar liegt damit ein kategorisches Entweder-Oder für
unser Denken über das menschliche Zusammenleben vor. Damit
stehen bloß dem leistungstheoretischen Denken zwei Verlegenheitsaus
wege zwingend zur Wahl, wenn dieses naive Denken das menschliche
Zusammenleben erfassen will, dabei aber in seiner Art am Leben selber
vorbeigreift I Für das reife, das Denken in Gebilden, spielt darum auch
keinerlei Fetischismus der „Ganzheit“ eine Rolle. Dieses lebenstheore
tische Denken verneint auch völlig den sogenannten „Organizismus“,
denn auch das ist ja unfreiwillige Komik, wenn sich das Denken über
menschliches Zusammenleben von seinem Schuldner, dem biologischen
Denken, die Begriffe und Theoreme aus jener Schuldmasse gleichsam
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