Object: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
245 
Albert Träger als Schauspiel- und Gedichtfabrikanten à la mode 
und kam auf Spielhagen und den Roman der Gegenwart, 
empfahl den Grafen Schack als den Dichter, der in die Zukunft 
weise, und erwartete Großes von dem Deutschen Theater 
L'Arronges. Im ganzen war dabei das Bestreben, mit den Alten 
abzurechnen, gepaart mit starken erziehlichen Lehren für eine neue 
Kritik und vor allem mit der lebhaften Erwartung, ja Prophe⸗ 
zeiung einer neuen Litteratur, die sich durch Wahrhaftigkeit 
der Empfindung und klares Durchscheinen der Dichterpersönlich— 
keiten, sowie durch innige Verschmelzung neuer Inhalte mit 
neuen Formen auszeichnen werde. Wurde das alles zunächst 
von der Lyrik verlangt, so galt im Grunde doch der Heerruf vor 
allem dem Drama: ein Drama der „Gedanken und tiefen Ge— 
fühle“ wird erhofft, hinweg mit den ,fünfaktigen, in Scenen und 
Jamben gebrachten Mordgeschichten“! Und eins über alles 
soll die neue Dichtung sein: national! „Die Nation strafft 
fich zusammen, und das, was man Nationalgeist nennt, soll 
kein leeres Wort mehr sein! Wir fühlen uns als Deutsche, 
als Vertreter des Germanentums gegenüber dem oberherrlichen 
Romanismus, dem andrängenden Slavismus. Energischer 
fließt das Blut in unseren Adern, und nach den matten Ver— 
dauungsstunden des verflossenen Decenniums, nach dem bloßen 
Rausch des Genusses ... fühlen wir wieder das Bedürfnis nach 
großen Idealen.“ 
Um die Zeit, da die Harts also sprachen, war die neue 
Bewegung schon in ihren Anfängen da, und auch der Reichstag 
beschäftigte sich mit ihr gelegentlich der Beratung eines Gesetzes 
über den Kolportagebuchhandel. Eine verderbliche neue Litte— 
ratur, hieß es da, schieße jetzt ins Kraut und stehe unter dem 
Einflusse des schnöden Naturalisten Zola; und ganz besonders 
ein Werk wurde als gemeingefährlich bezeichnet, die „Kinder 
des Reichs“ von Wolfgang Kirchbach (1883). Nun war zwar 
das Buch Kirchbachs inhaltlich gut deutsch und so „moralisch“ 
als nur möglich, und in der Form hatte es mit Zola nicht 
den geringsten Zusammenhang. Richtig aber war, daß sich 
damafs in München gegenüber der älteren Litteraturgeneration
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.