Dichtung.
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Albert Träger als Schauspiel- und Gedichtfabrikanten à la mode
und kam auf Spielhagen und den Roman der Gegenwart,
empfahl den Grafen Schack als den Dichter, der in die Zukunft
weise, und erwartete Großes von dem Deutschen Theater
L'Arronges. Im ganzen war dabei das Bestreben, mit den Alten
abzurechnen, gepaart mit starken erziehlichen Lehren für eine neue
Kritik und vor allem mit der lebhaften Erwartung, ja Prophe⸗
zeiung einer neuen Litteratur, die sich durch Wahrhaftigkeit
der Empfindung und klares Durchscheinen der Dichterpersönlich—
keiten, sowie durch innige Verschmelzung neuer Inhalte mit
neuen Formen auszeichnen werde. Wurde das alles zunächst
von der Lyrik verlangt, so galt im Grunde doch der Heerruf vor
allem dem Drama: ein Drama der „Gedanken und tiefen Ge—
fühle“ wird erhofft, hinweg mit den ,fünfaktigen, in Scenen und
Jamben gebrachten Mordgeschichten“! Und eins über alles
soll die neue Dichtung sein: national! „Die Nation strafft
fich zusammen, und das, was man Nationalgeist nennt, soll
kein leeres Wort mehr sein! Wir fühlen uns als Deutsche,
als Vertreter des Germanentums gegenüber dem oberherrlichen
Romanismus, dem andrängenden Slavismus. Energischer
fließt das Blut in unseren Adern, und nach den matten Ver—
dauungsstunden des verflossenen Decenniums, nach dem bloßen
Rausch des Genusses ... fühlen wir wieder das Bedürfnis nach
großen Idealen.“
Um die Zeit, da die Harts also sprachen, war die neue
Bewegung schon in ihren Anfängen da, und auch der Reichstag
beschäftigte sich mit ihr gelegentlich der Beratung eines Gesetzes
über den Kolportagebuchhandel. Eine verderbliche neue Litte—
ratur, hieß es da, schieße jetzt ins Kraut und stehe unter dem
Einflusse des schnöden Naturalisten Zola; und ganz besonders
ein Werk wurde als gemeingefährlich bezeichnet, die „Kinder
des Reichs“ von Wolfgang Kirchbach (1883). Nun war zwar
das Buch Kirchbachs inhaltlich gut deutsch und so „moralisch“
als nur möglich, und in der Form hatte es mit Zola nicht
den geringsten Zusammenhang. Richtig aber war, daß sich
damafs in München gegenüber der älteren Litteraturgeneration