Dichtung.
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Geist der Dichtung durch „Anhäufung schildernder Details,
Armut der Erfindung, Überwucherung des Nebensächlichen“;
er mache vor allem die Kunst zur Wissenschaft. „Er will eine
Leidenschaft sezieren, etwa die Trunkenheit (lies: Trunksucht).
und nimmt nun von allen Trunkenbolden Züge her, um aus
ihnen einen einzigen Säufer zusammenzusetzen, und er gewinnt
auf diese Weise eine Leidenschaft, wie sie so, Rad in Rad,
Zahn in Zahn greifend, so logisch richtig aufgebaut in der
Wirklichkeit kaum einmal in die Erscheinung tritt“:: — er stellt
alle wissenschaftlichen Kennzeichen eines Trunkenbolds zusammen,
nicht diesen selbst. Aber das hielt Arno Holz (geb. 1863)
und dessen Freund Johannes Schlaf (geb. 1862) nicht ab, die
Lehren Zolas nochmals zu einer besonders scharfen Theorie zu
raffinieren und nach dieser Skizzen zu schaffen, die im Jahre
1889 unter dem Titel „Papa Hamlet“ und unter dem Pseud⸗—
onym B. P. Holmsen erschienen, sowie nach demselben Rezept
ein Drama „Ddie Familie Selicke“ (erschienen 1890) zu ver⸗
fertigen. Und diese Vorgänge waren, wie wir später sehen
werden, für die Wendung der Berliner litterarischen Be—
strebungen von nicht geringer Bedeutung.
Inzwischen aber hatte sich der naturalistische Impressio—
nismus zunächst physiologischen Charakters wie in Berlin und
München so auch sonst im Reiche entwickelt, und zwar der
Hauptsache nach aus eigenster seelischer Entfaltung der Nation
heraus und in spezifisch deutschen Erscheinungsformen. Und
auch das deutsche Hsterreich nahm, wenngleich etwas später
und weniger heftig und stoßweise, an der Bewegung teil, ja
ging ihr auf dramaturgischem Gebiete fast voraus: 1889 schon
oͤffnete sich die Hofburg unter der Leitung Burckhards der
modernen Bewegung, und zu gleicher Zeit etwa nahm das
im September 1889 gegründete Deutsche Volkstheater das
neue Drama auf.
Das „jüngste Deutschland' aber, von bösen Menschen hin
und wieder auch das „grüne Deutschland“ genannt, erhielt
inzwischen ganz revolutionären Charakter: