Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VI. Der Kapitalzins. 
zu stärkerer innerer Kapitalbildung, eine Möglichkeit, welche für die tat- 
sächliche Kapitalbildung unserer Gesellschaft eine nicht zu unter- 
schätzende Bedeutung hat. Dagegen muß man annehmen, daß ein 
Sinken des Zinsfußes die Kapitalbildung der großen Kapitalisten insofern 
erschwert, als es ihr Einkommen schmälert. Ein niedriger Zinsfuß übt 
wohl nicht gleich seine volle Wirkung auf das Einkommen der Kapita- 
listen aus. Denn schon das vorhandene Einkommen derselben besteht 
zu einem großen Teil aus festen Renten (z. B. Staatsrenten, Boden- 
renten) und aus Dividenden, die zum Teil den Charakter von Renten 
haben. Zum Teil besteht das Einkommen der Kapitalisten jedoch aus 
Zinsen eines Kapitals, das wieder und wieder neu investiert wird, und 
muß also mit dem Zinsfuß proportionell sinken. Dies gilt natürlich 
auch meistens für das Einkommen aus dem neu gebildeten Kapital. 
Allmählich muß also ein länger fortdauerndes Sinken des Zinsfußes 
einen effektiven Einfluß auf die Kapitalbildung dieser Klasse von Kapita- 
listen gewinnen. Die kleinen Kapitalisten, die ihr ganzes Einkommen 
verzehren, werden dagegen durch einen niedrigen Zinsfuß nur zur Be- 
schränkung ihrer Konsumtion gezwungen. 
Suchen wir uns über die Resultate dieser verschiedenen Wirkungen 
eines Sinkens des Zinsfußes eine Vorstellung zu bilden, so gelangen wir 
zu dem Ergebnis, daß, solange der Zinsfuß sich innerhalb der gewöhn- 
lichen Grenzen bewegt, die Wirkung seiner Variationen auf die Kapital- 
bildung in ihrer. Gesamtheit nicht besonders ausgeprägt sein dürfte, 
wenn auch wohl angenommen werden kann, daß ein andauernd niedriger 
Zinsfuß im ganzen die Kapitalbildung etwas beschränkt. 
Man ersieht hieraus, wie berechtigt es ist, bei einem ersten, Über- 
blick über das allgemeine Preisbildungsproblem das Angebot von Kapital- 
disposition als eine gegebene Größe zu betrachten und somit den Zins 
in erster Linie auf die Notwendigkeit, die Nachfrage zu beschränken, 
zurückzuführen. In einem modernen Lande mit vollständiger Rechts- 
sicherheit und hochentwickelten Geschäftsgewohnheiten werden die tat- 
sächlichen Schwankungen des Zinsfußes doch so ganz überwiegend von 
der Nachfrage nach Kapitaldisposition bestimmt, daß der Einfluß eines 
etwaigen Wechsels des Angebots nur sekundäre Bedeutung hat und 
demgemäß erst in zweiter Linie, d. h, bei der speziellen, in Einzelheiten 
gehenden Analyse berücksichtigt zu werden braucht. Auch wenn die 
Abhängigkeit des Angebots an Kapitaldisposition von den gewöhnlich 
vorkommenden Schwankungen des Zinsfußes als eine unzweifelhaft 
festgestellte Tatsache angesehen werden könnte, hat diese Tatsache keine 
irgendwie prinzipielle Bedeutung für die Erklärung des Mechanismus 
der Preisbildung. Die ganze Preisbildung würde sich ebensowohl und 
wesentlich in demselben Rahmen, sogar mit wesentlich demselben quan- 
titativen Ergebnis erklären lassen, wenn keine solche Abhängigkeit 
vorhanden wäre, sondern das Angebot von Kapitaldisposition eine von 
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