Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

60 Zweiter Teil. Handel. II. Der Handel im allgemeinen. 
eigentum nach Kräften zu vergrößern und deshalb fo teuer wie möglich zu verkaufen 
und fo billig wie möglich zu kaufen. Daraus folgt von selbst auf der einen Seite 
gegenseitiges Mißtrauen, auf der andern Seite Rechtfertigung dieses Mißtrauens, die 
Anwendung unsittlicher Mittel zur Erreichung eines unsittlichen Zweckes. So ent 
wickeln sich im Handel die Grundsätze der Verschwiegenheit, der Verheimlichung alles 
dessen, was den Wert der eigenen Ware herabsetzen könnte, die Grundsätze des 
erlaubten Strebens, von der Unkenntnis oder dem Vertrauen der Gegenpartei einen 
möglichst großen Nutzen zu ziehen und seiner Ware Eigenschaften anzurühmen, die 
sie nie besitzt. Kurz, aus dem Eigentums, dem legalen Dieb stahl ent 
wickelt sich „derHandel,derlegaleBetru g". Am meisten gewinnen durch 
ihn die großen Eigentümer, denn sie verkaufen die Früchte ihres Bodens oder ihre 
Fabrikate oder die eingekauften Waren stets so teuer, als sie können, und bezahlen 
die Arbeit so billig, als es ihnen nur möglich ist; sie vergrößern fortwährend durch 
den Handel den Umfang ihrer Herrschaft, bis sie endlich jeden Menschen, der nicht 
in der größeren oder geringeren Seltenheit seiner Industrie und seines Talents 
ein Verteidigungsmittel findet, auf das Allernotwendigste beschränken. 
Wird der Handel human, d. h. erkennen die Handelnden, daß freundschaftliche 
Beziehungen zu ihren Kunden ihnen vorteilhafter sind, so wird nur die Sittlichkeit 
zu unsittlichen Zwecken gemißbraucht. Die Erde wird zivilisiert, um das Grund 
monopol, das Eigentum zu vergrößern und neues Terrain für die Entfaltung der 
Habsucht zu gewinnen. Die Völker werden „verbrüdert zu einer Brüderschaft von 
Dieben", und der Krieg vermindert, um den friedlichen, aber „ehrlosen Krieg der 
Konkurrenz" bis zur höchsten Stufe zu entwickeln. 
Zu diesem unsittlichen Charakter des Handels kommen feine nationalökono 
mischen Nachteile. 
Indem der Handel angeblich Produktion und Konsumtion vermittelt, beschäftigt 
er eine Menge überflüssiger Zwischenpersonen, welche in den Magazinen, auf den 
Märkten, Börsen und andern Verkaufsplätzen ihre Zeit verschwenden und nicht pro 
duzieren, sondern wie die Mönche nur konsumieren und dazu den Konsumenten die 
Waren verteuern. Die produktiven Gewerbe verlieren daher durch den Handel eine 
Menge von Arbeitskräften, welche unbenutzt vergeudet werden. 
Er hält ferner Produktion und Konsumtion unter einem Joche, zwingt durch 
seinen Reichtum und seine Herrschaft über den Markt die kleinen Produzenten, unter 
dem Wert zu verkaufen, und die Konsumenten, über den Wert zu kaufen, drückt 
und steigert die Warenpreise, je nachdem es fein Vorteil erheischt, bald durch Ver 
schleuderung, bald durch Aufhäufung und selbst Vernichtung von Waren, und entzieht 
dadurch den produktiven Gewerben auch das Kapital. 
Da endlich die Kaufleute sich täglich vermehren, ohne daß ein Bedürfnis ihrer 
Tätigkeit vorhanden ist, so kann keiner von ihnen bestehen ohne Kampf mit seinen 
Konkurrenten. Jeder strebt daher darnach, diese zu vernichten, und es entstehen 
daraus Bankerotte, Aufkauf, Wucher, Börsenspiel und eine Menge anderer unsittlichen 
Manöver der Gewinnsucht, wodurch der eine bloß auf den Ruin des andern hin 
arbeitet, alle Erwerbsverhältnisse in ein ewiges Schwanken und in fortwährende 
Unsicherheit versetzt und zugleich die ganze Gesellschaft beraubt. 
2. Kritik der Angriffe auf den Handel. 
Der Handel ist an sich kein Zeichen der Demoralisation, sondern nur eine 
Sphäre, in der sich die menschliche Selbstsucht geltend macht. Er ist unter allen 
gesellschaftlichen Formen eine Notwendigkeit und ein Hebel der Kultur, denn er ist 
der Umsatz der verschiedenen individuellen Arbeitsprodukte zur gegenseitigen Be 
friedigung der menschlichen Bedürfnisse, er ist der Prozeß, durch welchen die Jndivi-
	        
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