So kann man in der heutigen Gesellschaft das arbeits
lose Einkommen rechtfertigen, das dem Dichter, dem
Philosophen, dem Erfinder Musse verstauet.*) Aber wenn
wir selbst diese durch eine freiwillige Arbeit gerechtfertig
ten (Einkommen der Summe der übrigen Arbeitseinkommen
zurechnen, wenn wir als gerechten Lohn betrachten alle
Bezahlungen, alle Beteiligungen, alle Entschädigungen, die,
unter welcher Form auch immer, allen directen oder in-
directen, materiellen oder immateriellen Producenten zu
gebilligt werden — wenn wir das alles zusammennehmen,
dann bleibt doch immer noch ein Ueberschuss, ein Mehr-
product, ein Mehrwert, den die verschiedenen Gruppen
von Capitalisten, die Industriellen, die Händler, die Grund
besitzer nicht kraft irgend welcher geleisteten Arbeit, son
dern einzig und allein kraft ihres Eigentumsrechts an den
Productions- und Austauschmitteln — quia nominor leo
— mit Beschlag belegen.
Das ist die wesentliche Thatsache, die allen socialisti-
schen Forderungen zu Grunde liegt. Das leuchtet jedem
mehr oder weniger klar ein, der sich die Mühe giebt, den
Dingen nachzudenken; und die scharfsinnigen Analysen,
die Marx, gestützt auf die Werke seiner Vorgänger, in
seinem Meisterwerke coordiniert und synthetisiert hat,
haben im grossen und ganzen nur die wissenschaftliche
Formel für die Ausbeutung des Proletariats durch die
Capitalisten gegeben.
Diese Ausbeutung ist unbestreitbar, da es Leute giebt,
die nicht von ihrer eigenen Arbeit leben, also notwendiger
weise auf Kosten der Arbeit anderer leben müssen. Aber
das will nicht besagen, und die Socialisten haben es auch
niemals behauptet, dass in jedem Unternehmen der von
der Arbeit geschaffene Mehrwert direct und sozusagen
automatisch dem individuellen Capitalisten zufällt.
*) Siehe über diesen Gegenstand die Studie von
A. Fouillée: Le travail mental et le collectivisme matérialiste
im Mai-Heft der Revue des Deux Mondes 1900.