Full text : Der gesetzgeberische Ausbau des Deutschen Reiches und seine Wirtschaftlichkeitspolitik

II.  Staatlicher  Schutz  der  Unternehmer-  und  Arbeiterklasse.

29

Verkehrs-,  Kolonial-  und  Sozialpolitik  war  innerhalb  des  nicht  geeinigten  Deutschst
Reiches  ebenso  ausgeschlossen,  als  die  Abwehr  ausländischer  Einmischung  in  unsere
inneren  politischen  Angelegenheiten.
Die  andere  Voraussetzung  für  die  Vereinheitlichung  bestand  iti  der  Fpeigebung
des  Wettbewerbs  oderinder  Einführung  der  freien  Konkurrenz,  die  auch  aus  anderen
Gründen  nicht  mehr  hinausgeschoben  werden  konnte.  In  den  sechziger  Jahrelt  nämlich ­
  beginnt  in  der  Arbeitsweise  eine  Verschiebung  einzutreten;  die  handwerksmäßige,
von  den  Lokalaufträgen  abhängige  Erzengungsweise  wird  allmählich  durch  die  maschinelle, ­
  methodisch  organisierte  Fabrikation  erseht.  Kurz  darauf  setzt  auch  der  Großund
  Weltverkehr  in  Gestalt  der  Ausdehnung  des  Eisenbahn«  und  Dampfernetzes  ein.
In  den  folgenden  Jahrzehnten  trat  für  Deutschland  eine  Periode  großer
Kräftigung  in  industrieller  und  kommerzieller  Hinsicht  ein;  was  England  in  einem
Jahrhundert  erreichte,  hat  Deutschland  in  diesen  wenigen  Jahrzehnten  erzielt.  Diese
Kräftigung  war  nicht  möglich  ohne  Aufgabe  der  bisherigen  Gebundenheit.  Die  Gewerbefreiheit
  wurde  daher  zu  einem  der  neuzeitlichen  Grundrechte.
Im  gleichen  Schritt  mit  der  auf  immer  weitere  Gebiete  übergreifenden
Maschinentechnik  vollzog  sich  der  rasche  Fortschritt  des  Großbetriebs  und  Großverkehrs, ­
  der  internationalen  Konzentration,  das  Hinausdrängen  auf  den  Weltmarkts.
Allmählich  gewannen  die  Grundsaktoren  mehr  und  mehr  an  Boden,  welche  der  Volkswirtschaft ­
  ein  neues  Gepräge  und  einen  festeren  Körper  geben  sollten;  es  sind  das  die
Zunahme,  Konzentration  und  Jnternationalisierung  der  Bevölkerung
(Großstadt,  Jndustriebezirk),  der  Großindustrie,  des  Großkapitals  und  des
Großverkehrs,  die  Wirksamkeit  der  Massenkräfte  (Arbeits-und  Kapitalkrast),
sowie  des  Massen  ko  nsums  und  ein  erhöhtes  politisches  Leben.  Eine  Wirkung
der  fortschreitenden  Betriebskonzentration  war  die  Herausbildung  einer  abhängigen
Arbeiterklasse,  die  Entstehung  des  modernen  Proletariats,  eine  Wirkung  der  Anhäufung ­
  der  Vermögenskomplexe,  der  sogenannten  Akkumulation,  die  Verschärfung
der  Klassengegensätze.
So  wichtig  als  die  erste  Folge,  die  Vermehrung  der  Bevölkerung,  der  Arbeiter-, ­
  Kapital-'  und  Produktenmenge,  ist  die  Umwandlung  der  Quantität  in  die
Qualität  (Differenzierung  und  Organisierung),  die  allzeitige  Dffponibilität  nnd  Allgegenwart ­
  der  gefragten  Waren  und  der  ebengenannten  Produktionsfaktoren,  ferner
das  ständige  Ueberangebot  und  die  scheinbare  „Überproduktion"  (Uebervölkerung,
die  sich  in  einem  Bezirk  anstauende  Reservearmee,  Geldabundanz  u.  s.  f.),  die  Verschärfung ­
  der  Unterbietungskonkurrenz,  der  ständige  Druck  ans  Zins,  Lohn,  Preis
(Spezialisierung)  und  Unternehmergewinn.
All  das  bewirkt  eine  sich  mit  elementarer  Wucht  durchsetzende  Umgestaltung
der  sozialen  und  wirtschaftlichen  Grundlagen  der  gesamten  Kulturwelt.
i)  „Von  nicht  geringerer  Bedeutung,"  legt  Lexis  in  der  „Kultur  der  Gegenwart"  (1906)  dar,
„als  die  Maschinenarbeit  in  der  Fabrikation,  war  die  Verwendung  der  Dampfkraft  im  Dienst  des
Transports  der  Güter  und  der  Personen.  Die  Intensität  des  Weltverkehrs  wurde  dadurch
in  ihrer  Art  noch  weit  stärker  gesteigert,  als  einst  feine  Extensität  im  16.  Jahrhundert.  Die
fortwährende  Erleichterung  und  Verbilligung  der  Produktion  und  des  Transports  durch  wirksamere ­
  technische  Hilfsmittel  führte  zu  einer  großartigen  Vermehrung  der  Gütererzeugung,
mit  der  in  den  meisten  Ländern  auch  eine  beträchtliche  Zunahme  der  Bevölkerung
zusammenging."
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.