Full text : Die wirtschaftlichen und politischen Motive für die Abschaffung des britischen Sklavenhandels im Jahre 1806/07

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XXV  1.

vom  Standpunkte  der  ökonomischen  Zweckmäfsigkeit,  wurde
fast  als  Schmähung,  als  Verleumdung  der  britischen  Politik
empfunden.
Unsere  heutige,  realistischer  denkende  Wissenschaft  begnügt ­
  sich  nicht  mehr  mit  derartigen  Erklärungen.  Dafs  überzeugungstreue ­
  Idealisten,  Männer  wie  Wilberforce,  Clarkson,
Ramsay  u.  a.,  an  deren  Ehrenhaftigkeit  keinen  Augenblick
zu  zweifeln  ist,  die  Abolitionsbewegung  entfacht,  geschürt  und
zum  Siege  geführt  haben,  erkennt  sie  willig  an.  Doch  verlangt ­
  sie  auch  eine  Untersuchung  der  materiellen  Seite  des
Vorganges.  Nach  den  teilweise  vorzüglichen  Darstellungen
über  die  wirtschaftspolitische  Seite  der  nordamerikanischen
Sklavenemanzipation  vermifst  sie  entsprechende  Untersuchungen
über  die  ein  halbes  Jahrhundert  früher  erfolgte  britische  Abolition. ­
  Man  glaubt  heute  nicht  mehr,  dafs  ein  Staat  wie  Grofsbritannien,
  der  jederzeit  als  das  Muster  von  Klugheit  und
nüchterner  Geschäftspolitik  galt,  seinen  einträglichen,  Jahrhunderte ­
  hindurch  geduldeten  Sklavenhandel  plötzlich  einer
philantropischen  Doktrin  zuliebe  hätte  verbieten  können.  Es
müssen  sich  noch  andere  Motive  dahinter  verbergen.
Was  berechtigt  uns  zu  der  Annahme,  dafs  England  doch
wohl  nicht  so  ganz  selbstlose  Ziele  verfolgte,  als  es  sich  endlich ­
  nach  20jährigem  Kampfe  im  Jahre  1807  zur  Aufhebung
des  Negerhandels  entschlofs?  Zunächst  ein  seltsames,  der  Abolition ­
  vorangehendes,  im  Jahre  1785  erlassenes  Gesetz  (25.  Geo.
III,  c.  67),  welches  britischen  Schiffen  den  Import  von  weifsen
Arbeitern  in  die  abgefallenen  nordamerikanischen  Kolonien
bei  Strafe  verbot,  „worin  wir  weit  weniger  eine  Humanitätsbestrebung ­
  zu  sehen  haben  als  den  Wunsch,  die  abgefallenen
Kolonien  in  ihrer  wirtschaftlichen  Entwicklung  zu  hindern
und  für  ihren  Freiheitsdrang  zu  strafen!“  (S.  v.  Waltershausen,
S.  66).  Auch  die  besonderen  Zeitumstände,  unter  denen  die
Abolition  beschlossen  wurde,  können  stutzig  machen.  Mitten
in  dem  Entscheidungskampfe  auf  Tod  und  Leben  zwischen
England  und  Frankreich!  Reformen  rein  freiwilligen  Charakters
pflegen  sonst  in  friedlicheren  Zeiten  vorgenommen  zu  werden.
Sodann  die  lange  Dauer  des  Abolitionskampfes!  „Über  den
Negerhandel“,  schreibt  ein  Schriftsteller,  „ist  mit  derselben
Kühle  und  Gelassenheit  im  Parlament  gestritten  worden  wie
über  den  Stockfischhandcl  an  der  neufundländischen  Küste!“
Dafs  auch  nicht  der  Abscheu  gegen  die  Sklaverei  England  zur
Abolition  veranlafst  haben  kann,  lehrt  der  1860  ausgebrochene
Sezessionskrieg  der  Union,  in  welchem  England  offen  mit  den
Sklavenstaaten  sympathisierte.
Doch  die  besten  Beweise  dafür,  dafs  die  Abolition  mit
wichtigen  wirtschaftlichen  und  politischen  Interessen  Grofsbritanniens
  verknüpft  war,  liefern  die  Abolitionisten  selbst.
Als  am  6.  Februar  und  am  23.  März  1807  nach  der  zweiten
            
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