Full text : Antike Wirtschaftsgeschichte

150  Achtes  Kapitel.  Ausbau  und  Ende  der  antiken  Weltwirtschaft.
zwang  die  Kaiser  immer  wieder  zu  neuen  Steuern,  um  die  Kriege
gegen  die  Eindringlinge  mit  Erfolg  führen  zu  können,  so  daß  die
Bevölkerung  doppelt  geschädigt  war.  Besonders  gefährlich  wurden
diese  Angriffe,  als  im  3.  Jahrhundert  Goten  auf  den  Einfall
kamen,  sich  im  Gebiet  des  Schwarzen  Meeres  Schiffe  zu  beschaffen,
und  nun  eine  Art  Seeräuberkrieg  anfingen  (S.  153).  Zu  den
Germanen  kamen  dann  allmählich  auch  die  Perser,  die  mit  Erfolg
das  oströmische  Reich  bedrängten.  Im  Westen  war  die  Hauptstadt ­
  Rom  immer  mehr  gesunken,  bis  sogar  Norditalien  der  Sitz
der  Kaiser  wurde,  um  schließlich  dem  Ansturm  der  Nordvölker  ausgeliefert ­
  zu  sein,  bald  erobert,  bald  mit  Erfolg  verteidigt.  Da  die
Getreidezufuhr  jederzeit  durch  Besetzung  der  Tibermündung  abgesperrt ­
  werden  konnte,  hatte  z.  B.  ein  Alarich  leichtes  Spiel.
Die  Stellung  des  Christentums  zu  den  wirtschaftlichen  und
sozialen  Verhältnissen  war  ebensowenig  klar  bestimmt  wie  heute.
Viele  christliche  Autoren  der  ersten  Jahrhunderte  berührten  die
Frage  größerer  wirtschaftlicher  Gemeinschaften  überhaupt  nicht
und  legten  nur  Gewicht  darauf,  daß  der  einzelne  ohne  Sünde
sein  Auskommen  finde,  womöglich  als  Handwerker  (Lehre  der  zwölf
Apostel  XII,  3)  oder  indem  er  sein  „Äckerleinchen"  bebaue.  Diese
Ansicht  vertrat  z.  B.  Ambrosius,  der  im  4.  Jahrhundert  Bischof  von
Mailand  war  und  doch  durch  seine  Studien  sowie  durch  seme
Stellung  im  öffentlichen  Dienst  mit  dem  Wirtschaftsleben  im  größeren
Stil  bekannt  geworden  war  (Ambrosius,  Uber  die  Pflichten  I,  26).
Das  wichtigste  für  den  Menschen  sei,  ein  Gotteskämpfer  zu  sein,  und
dazu  genüge  die  bloße  Existenz.  Von  einer  Verachtung  des  Handwerks ­
  war  bei  den  Christengemeinden  keine  Rede,  was  zum  Teil
schon  dadurch  bedingt  war,  daß  sie  sich  vielfach  aus  Proletariern
zusammensetzten.  Unterstützt  wurden  solche  Anschauungen  durch
chiliastische  Ideen;  da  das  irdische  Reich  ohnehin  bald  sein  Ende
finden  sollte,  so  war  all  das  Streben  nach  einer  irdischen  Organisation ­
  ein  eitles  Beginnen.  Auch  kommunistische  Züge  treffen
wir  bei  vielen  Kirchenvätern  an  sowie  die  Tendenz,  alles  Heidnische ­
  abzuweisen  und  sich  von  der  damaligen  Gesellschaft  auszuschließen. ­
  Eine  Annäherung  der  Christen  an  den  bestehenden
Staat  mußte  stattfinden,  als  man  von  einem  irdischen  Gottesreich
zu  träumen  begann,  von  einer  „Gemeine  des  Herrn".  Wie  in  der
theologischen  Erörterung  die  einen  jeden  heidnischen  Gedanken
ablehnten,  die  andern  dagegen  auf  Übereinstimmung  heidnischer
mit  christlichen  Lehren  ein  besonderes  Gewicht  legten,  so  fanden
            
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