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Zweiter Teil. Lande!. IX. Märkte und Messen.
hältnisse, die für Westeuropa den dunkelsten Perioden der Wirtschaftsgeschichte angehören,
— in die Zeit vor Entstehung der Städte. Die Kaufleute, von welchen die Bauern
die wenigen Waren ihres Bedarfes auf den ländlichen Kleinmessen kauften, bildeten
noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine wandernde Bevölkerungsklasse. Sie
verproviantierten sich auf den großen Jahrmärkten, auf welchen die Großkaufleute und
die mit dem Ausland in Beziehung stehenden Importeure erschienen. Diese Jahrmärkte
folgten der Zeit nach in der Weise aufeinander, daß die unverkauften Waren von
einem Markt auf den nächsten geschafft werden konnten. Ähnlich wie einst die Messen
der Champagne ein in sich geschlossenes System bildeten, so standen in Rußland bis in
die neueste Zeit die großrussischen und die kleinrussischen Messen nebeneinander. In
sich geschlossen, hatten beide gegenseitig wenig Beziehungen. Nach dem Berichte des
Ivan Aksakoff über die Jahrmärkte der Akraine hatten viele Kaufleute, welche auf den
Messen Kleinrußlands verkauften, im Laufe des Jahres ihre Waren an zwanzigmal ein
und auszupacken, um im folgenden Jahre denselben Kreislauf von neuem anzutreten.
Auch diese größeren Messen waren keineswegs notwendig mit Städten verbunden:
Zrbit, auf dessen Messen noch gegenwärtig an 100 000 Personen zusammenströmen,
zählt nicht mehr als 5000 ständige Einwohner; der älteste der kleinrussischen Märkte
bei Kursk lag in einer als „Einöde" bezeichneten Gegend. Klöster vielmehr scheinen
Anziehungspunkte für den Meßverkehr gebildet zu haben, wie auch in Westeuropa
Reliquienbesih oft zum Meßort emporhob.
Von allen Messen war und ist die Messe von Nischni-Nowgorod die
wichtigste. Diese Stadt bildet den östlichen Endpunkt des Jndustriebezirks und liegt
in einer für den Wasserverkehr außerordentlich günstigen Lage, an dem Zusammenfluß
von Wolga und Oka. Nach diesem Punkt siedelt vom 15. Juli bis 10. September
jeden Jahres der Moskauer Landet über. Von hieraus vollzieht sich die Verteilung
der Waren noch heute für den größten Teil Großrußlands und des asiatischen Ruß
land. Von Eröffnung der Schiffahrt im Frühjahr bis zu Beginn der Messe können
fast aus allen Teilen des Reiches die Waren nach Nischni gebracht sein, und noch ist
es Zeit, daß die Käufer sie abermals verschiffen, ehe die Ströme zufrieren.
Or. Kosegarten, welcher 1843 die Messe besuchte, gibt ein interessantes Waren
verzeichnis. Vorwiegend nennt er Produkte des bäuerlichen Lausfleißes: grobe Textil
stoffe, Räder, kleine Metallwaren, Leiligenbilder, Ritualschriften, Ebelmetallarbciten,
Schuhe usw.
Neben den Erzeugnissen des bäuerlichen, meist nordrussischen Lausfleißes traf
Kosegarten 1843 aus der Nischnier Messe gewisse wertvollere Naturprodukte des
Südens und Ostens, z. B. tatarische Schafpelze für Winterkleidung, sibirisches Pelz
werk, Baumwolle, edle Lölzer aus deni Süden und vor allem den Tee, damals die
leitende Ware der Messe. Der Abschluß des Teehandels war für den Geschäftsgang
der Messe überhaupt entscheidend, direkt zunächst für den Lande! mit Wollstoffen,
gegen welche in Kiachta die Chinesen den Tee austauschten. Der Techandel befand
sich, entgegen dem Lande! in den oben genannten mehr demokratischen Waren, in
wenigen Länden. Das chinesische Viertel der Messe, nicht etwa von Chinesen, sondern
von den mit Kiachta in Verbindung stehenden Großkaufleuten und Kommissionären
bevölkert, war der vornehmste Teil der Messe; ähnlich heißt noch heute die Altstadt
von Moskau Chinesenstadt (Kitaigorod), — ein Beweis dafür, wie der Großhandel
zunächst anknüpft an die wertvollen, wenig voluminösen Naturprodukte des fernen
Auslandes. Ein ähnliches Objekt, wenn auch von weit geringerer Bedeutung als der
Tee, war der westeuropäische Wein.
Von fremden Jndustrieprodukten bezeugt Kosegarten ausdrücklich persische und
bucharische Baumwollgewebe, von europäischen Waren die „Ladenhüter" Westeuropas,
die auf verschiedenen Etappen bis in das Innere Rußlands vorgedrungen waren.