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Siebter Abschnitt.
das sich über Jahre ausdehnt und Auslage von viel fixem Kapital
erheischt, stößt auf Hindernisse der Ausführung. In Europa zögert
das Kapital keinen Augenblick, denn die Arbeiterklasse bildet sein
lebendiges Zubehör, stets im Ueberfluß da, stets zur Verfügung.
Aber in den Kolonialländern!
Wakefield erzählt eine äußerst schmerzensreiche Anekdote. Er
unterhielt sich mit einigen Kapitalisten von Kanada und dem Staat
New York, wo zudem die Einwanderungswogen oft stocken und einen
Bodensatz „überzähliger‘“ Arbeiter niederschlagen. „Unser Kapital“,
seufzt eine der Personen des Melodramas, „unser Kapital lag bereit
für viele Operationen, die eine beträchtliche Zeitperiode zu ihrer
Vollendung brauchen; aber konnten wir solche Operationen beginnen
mit Arbeitern, welche, wir wußten es, uns bald den Rücken wenden
würden? Wären wir sicher gewesen, die Arbeit solcher Einwanderer
festhalten zu können, wir hätten sie mit Freude sofort angeworben
und zu hohem Preise. Ja, trotz der Sicherheit ihres Verlustes wür-
den wir sie dennoch angeworben haben, wären wir einer frischen
Zufuhr je nach unserm Bedürfnis sicher gewesen.“ 270
Nachdem Wakefield die englische kapitalistische Agrikultur und
ihre „kombinierte“ Arbeit prunkvoll in Gegensatz gestellt hat zu der
zerstreuten amerikanischen Bauernwirtschaft, entschlüpft ihm auch
die Kehrseite der Medaille. Er schildert die amerikanische Volks-
masse als wohlhabend, unabhängig, unternehmend und relativ ge-
bildet, während „der englische Agrikulturarbeiter ein elender Lump
(a miserable wreich) ist, ein Pauper. ... In welchem Lande außer
Nordamerika und einigen neuen Kolonien übersteigen die Löhne
der auf dem Lande angewandten freien Arbeit nennenswert die
unentbehrlichen Lebensmittel des Arbeiters? ... Zweifelsohne,
Ackerpferde in England, da sie ein wertvolles Eigentum sind, werden
viel besser genährt als der englische Landbebauer“.?1 Aber was
schadet das? Nationalreichtum ist nun einmal von Natur gleich-
bedeutend mit Volkselend.
Wie nun den antikapitalistischen Krebsschaden der Kolonien
heilen? Wollte man allen Grund und Boden mit einem Schlage aus
Volkseigentum in Privateigentum verwandeln, so zerstörte man zwar
die Wurzel des Uebels, aber auch — die Kolonie. Die Kunst ist,
zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Man gebe von Regie-
cungs wegen der jungfräulichen Erde einen vom Gesetz der Nach-
frage und Zufuhr unabhängigen, einen künstlichen Preis, welcher
den Einwanderer zwingt, längere Zeit zu lohnarbeiten, bis er genug
Geld verdienen kann, um Grund und Boden zu kaufen??? und sich in
2370 Ebenda, S. 191, 192.
271 Ebenda, Bd. I, S. 47, 246.
272 „Ihr behauptet, es sei der Aneignung des Bodens und der Kapitalien
zu danken, daß ein Mensch, der nichts besitzt als seine Hände, Beschäftigung
findet und sich ein Einkommen schafft. ... Es ist im Gegenteil der indivi-