Entstehung und Wesen der Hausindustrie. 425
noch immer zahlreichen, besonders auf dem Lande, im Gebirge verbreiteten kleinen
Produzenten, die oft hausierend durch Familienglieder gewerbliche Produkte an anderen
Orten vertreiben, zur Hausindustrie rechnen soll, ist eine untergeordnete Frage. Ihre
Zahl ist nicht sehr groß.
Das Wesentliche der Entstehung dieser Betriebsform ist, daß eine alte hergebrachte
Technik und Produktionsweise durch Handel und Verkehr einen besseren Absatz erhielt,
daß ein häuslicher oder handwerksmäßiger Körper einen kaufmännischen Kopf bekam.
Zwei sociale Klassen, häusliche Produzenten und kaufmännische Vermittler sind auf⸗—
einander angewiesen: hier Kleinmeister, Bauern, Weiber und Kinder, vielfach bisher Be—
schäftigungslose, die ohne viel Kapital, ohne viel Arbeitsteilung mit beschränktem
Gesichtskreis froh sind, mit häuslicher, herkömmlicher Technik etwas zu verdienen und
dabei in den gewohnten Lebensgeleisen zu bleiben; dort kühne Haufierer, spekulative
Fuhrleute, kluge und reichere Meister, welche die Produkte ihrer Mitmeister aufkaufen
und die Jahrmärkte beziehen, hauptsächlich aber lokale Krämer und Kaufleute aus den
größeren Städten, kurz lauter intelligente und wagende Leute, die mit einem gewissen
Kapital, hauptsächlich aber durch ihre Marktkenntnis, ihre Zahlungsfähigkeit, ihren Kredit
und ihre Verbindungen den Absatz schaffen; es sind Perfönlichkeiten, die man im 17. Jahr—
hundert als die nützlichsten Glieder der Gesellschaft feiert, welche Tausenden Nahrung geben.
Sie machen die großen Gewinne, steigen empor, werden reich; sie heißen Verleger, weil
sie Vorschuß, Verlag geben können. Schon weil stets zur Verlegerstellung nur wenige,
zur Stellung des Heimarbeiters sehr viele brauchbar find, zeigen alle Hausindustrien
dieselbe sociale Struktur, die je nach dem Überfluß der Arbeitskräfle, ihrer Bildung, ihrem
Besitz, ihrer örtlichen Zerstreuung, je nach der rechtlichen und sittlichen Ordnung der
Hausindustrie, je nach der Weite und Schroffheit des Abstandes zwischen Verleger und
Heimarbeiter, teils ein Bild glücklicher, socialer Organisation, teils ein solches harter,
wucherischer Ausbeutung bietet.
Die Hausindustrien sind nicht mehr, wie das Handwerk, lokal überall und gleich—
mäßig angesiedelt; sie erblühen in einzelnen Städten, Gegenden, Thälern und Gebirgen,
wo sie guͤnstige Vorbedingungen finden, und vertreiben von da ihre Waren. Eine
lokale Verkehrs- und Absatzorganisation ist auf eine Anzahl Meilen nötig für das
Zusammenwirken von Verlegern und Heimarbeitern, eine solche auf Dutzende und
Hunderte von Meilen für den Warenvertrieb. Im Mittelpunkt sitzen die großen Ver—
legergeschäfte mit ihren Comptoiren und Warenlagern; sie haben teilweise bereits
technische Hülfsanstalten, um die Produkte fertig machen, färben, appretieren, zusammen—
setzen zu lassen, oft Zweigniederlassungen an anderen Orten und Weltteilen. Sie bestellen
oder kaufen teilweise die Waren nicht bei denen, die sie herstellen, sondern beziehen sie
von kleinen Verlegern, wie in Remscheid. Oft haben sie reisende Commis, oft Annahme—
und Abgabestellen in den umliegenden Dörfern; häufig besorgen von ihnen abhängige
oder selbständige Faktoren (Fercher), Zwischenmeister die Vermittelung zwischen ihnen
und den Heimarbeitern. Diese sind vielfach harte, wucherische Persönlichkeiten, welche
die Heimarbeiter ausbeuten, ihnen den Rohstoff zu teuer anrechnen, am Verdienst oder
Lohn so viel wie möglich abziehen. Das in den Verlegergeschäften angelegte Kapital
ist wesentlich umlaufendes: Geldkapital, um die Heimarbeiter zu lohnen und fertige
Waren zu kaufen, Rohstoff, um ihn an die Arbeiter auszugeben. Das Geschäft ist ein
überwiegend kaufmännisches, beruht ursprünglich ausschließlich auf Wareneinkauf und
⸗vertrieb, erzeugt also an sich keine näheren persönlichen Bande zwischen den Kontra—
henten, also auch keine Verpflichtung dauernder Beschäftigung, regelmäßiger Abnahme
der von den Heimarbeitern hergestellten Waren. Wo Zwischenglieder vermitteln, kennt
der große Verleger die Dutzende oder Hunderte von Heimarbeitern, die er beschäftigt,
ar nicht.
⸗ Dennoch haben sich früher und teilweise auch heute noch patriarchalische Beziehungen
zwischen Verleger und Heimarbeiter gebildet, die auf eine möglichst gleichmäßige Be—
schäftigung hinwirkten; bis zur Einsührung der Gewerbefreiheit haben die staatlichen
Reglements und die Staatsverwaltung mit Energie auf dieses Ziel hingearbeitet. In