Full text : Russlands Bankerott

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Der  Staatsbankrott ­
  als
Entlastung.

beau  bemühte  sich,  durch  Parlamentsbeschluß  die  Revolution  in  das
ruhige  Fahrwasser  konstitutioneller  Reformen  zu  leiten.  Aber  durch  den
guten  Willen  einzelner  Menschen  wurden  die  Schulden  nicht  kleiner,
hörten  die  Hungersnöte  nicht  auf.  Die  wohlhabenden  Klassen,  die  die
Revolution  aufs  rein  politische  Gebiet  beschränken  wollten,  wurden  von
den  Jakobinern  unters  Fallbeil  geschleift.  Die  Duma  wird  dem  Bauer
kein  Brot  geben  können,  sie  wird  noch  weniger  in  der  Lage  sein,
ihn  von  einem  Jahr  zum  andern  von  der  veralteten  Dreifelderwirtschaft
zur  Fruchtwechselwirtschaft  zu  gewöhnen.  Und  ohne  eine  blühende  Landwirtschaft ­
  wird  nun  einmal  Rußland  die  Zinsen  seiner  vermehrten
Staatsschulden  dauernd  aufzubringen  nicht  in  der  Lage  sein.
An  dieser  Stelle  setzt  das  Eigene  und  gleichzeitig  das  Verdienstvolle ­
  des  Martinschen  Buches  ein.  Was  würde  ein  Staatsbankrott  für
Rußland  bedeuten?  Die  Anleihen  dieses  Riesenreiches  befinden  sich
fast  vollständig  in  ausländischem  Besitz.  Zum  größten  Teil  in  Frankreich,
zu  einem  erheblichen  Teil  in  Deutschland.  Wenn  Rußland  die  Zinszahlungen ­
  einstellt,  so  schädigt  es  seinen  eigenen  Nationalreichtum  nicht
im  mindesten.  Aber,  wie  schon  der  alte  Klassiker  der  deutschen  Nationalökonomie, ­
  Wilhelm  Roscher,  gerade  mit  Bezug  auf  Rußland  ausgeführt
hat,  besitzt  jeder  Staat,  der  seine  Anleihen  im  Ausland  untergebracht
hat,  damit  ein  schreckliches  Machtmittel  gegen  seine  Gläubiger:  Zahlt
Rußland  keine  Zinsen  mehr,  so  ist  augenblicklich  ein  ganz  erheblicher
Teil  des  deutschen  Volksvcrinögens  vernichtet.  Ein  verheerender  Krieg
kann  uns  nicht  tiefere  Wunden  schlagen,  als  es  ein  Machtwort  des  Zaren
oder  ein  Beschluß  der  zukünftigen  Duma  in  betreff  der  Zinsfrage
tun  kann.  Rußland  kann,  wenn  es  will,  jeden  Tag  Europa  kampfuntüchtig ­
  machen.  Und  bei  dem  notorisch  schlechten  Gedächtnis,  das  die
Kapitalisten  für  Staatsbankrotte  haben,  wäre  dieser  Wille  für  spätere
Geldbeschaffungen  nicht  einmal  verhängnisvoll.  Aber  wenn  Rußland
jetzt  noch  den  guten  Willen  hat,  es  kommt  einmal  die  Zeit,  wo  der
beste  Wille  nichts  nützen  wird.  Und  für  diese  Zeit  soll  sich  das  deutsche
Publikum  jetzt  schon  vorbereiten,  indem  es  seine  russischen  Anleihen
langsam  nach  Rußland  und  Frankreich  zurückverkauft  und  auf  keinen
Fall  die  Zulassung  neuer  Anleihen  geschehen  läßt.  Konzentriert  sich  der
russische  Rentenbesitz  in  Paris,  so  wird  der  sicher  einst  eintretende
russische  Staatsbankrott  die  Volkskraft  Frankreichs  lähmen,  und  Rußland
muß  bis  dahin  vor  einem  deutsch-französischen  Krieg  zittern,  der  Frankreichs ­
  Kapitalisten  zwingen  würde,  die  Anleihen  zurückzuwerfen.  Ohne
einen  Schwertstreich  wäre  Deutschland  Sieger  über  seine  beiden,  bisher
gefürchteten  Nachbarn.  Schon  bei  der  Marokko-Affäre  stand  Rußland
vor  der  Gefahr,  daß  der  Anprall  der  Anleiheverkäufe  des  geldbedürftigen, ­
  zum  Kriege  rüstenden  Frankreichs  seine  Goldwährung  zertrümmerte.
So  steht  nach  Martin  Deutschland  am  Scheidewege.  Die  eine
Gabel  des  Pfades  führt  zum  unblutigen  Siege,  die  andere  zu  dauernder
Knebelung  ohne  kriegerische  Niederlage.  Daß  die  zukünftigen  Kriege
weniger  auf  dem  „Felde  der  Ehre"  als  auf  dem  Parkett  der  Börse
verloren  oder  gewonnen  werden,  hat  Herr  Martin  in  neuer  Wort-  und
Gedankenfassung  beleuchtet.
            
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