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eine heimische Industrie aus dem Boden zaubern
zu können. Hinter den Zollmauern taten sich
ausländische Finanzleute und Industrielle güt
lich, freuten sich der billigen und willigen
russischen Arbeitkräfte, schleppten die Dividenden
in die Heimat, und nach wie vor mußte der
arme Muschik sein Getreide, das er selbst für
des Leibes Notdurft dringend gebrauchte, über
die Grenze schaffen. Der Bauer versank in Not,
und die nationale Industrie blieb ein Phantom,
hinter derHerrWitte, alles vor sich niederwerfend,
hersagte. Und wie Herr Witte auf das Agrar
land ein vom Westen importiertes System
industrieller Protektion pfropfte, so gab er der
politischen Vormacht Asiens eine europäische
Währung, zu deren Vergoldung immer und
immer wieder das Ausland herhalten mußte.
Das Wittesche System legte dem russischen
Reich Hunger- und Steuerkuren auf, nur um
den notwendigen Glanz nach außen zu be
wahren. Wenn man wohlwollend sein will,
kann man es mit dem System jener armen
Adligen vergleichen, die auf silbernen Schüsseln
von behandschuhten Dienern sich Kuhkäse servieren
lassen, nur um das Prestige zu wahren. Man
kann aber auch an die Sauden, Schmidt, Exner
und Schultz denken. Denn auch Herr Witte ist
nicht davor zurückgeschreckt, unwahr darzustellen
und zu verschleiern. Die Angriffe gegen Witte
und sein System haben ein ganzes Heer von
Lobhudlern in die Schranken gerufen, die ent
rüstet den Tadlern persönliche Motive oder
revolutionäre Gesinnung unterschoben. Aber
schon, daß der mächtige Minister die ohnehin
zahme russische Presse mit staatlichen Annoncen
zu füttern für gut befand, mußte stutzig machen.
Mehr noch, daß gerade die heftigsten Gegner
der Exzellenz nicht liberal und nicht revolutionär
waren. Gewiß, Jsscüeff ist Sozialist, Golowin
und Peter Struve sind Radikale, v. d. Brüggen
und Rohrbach Balten. Aber Scharapow ist ein
Erzreaktionär, und die Zeitschrift „Ruski Trud",
in der dieser loyale Konservative Wittes Namen
Russische Ver
schleierungs-
Künste