Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

318 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Ausbildung einer plutokratischen Ratsverfassung, in der Verbreite— 
rung des Gegensatzes zwischen Arm und Reich, in der Entwicklung 
einer politisch rechtlosen Gemeinde gegenüber dem Rat die allge— 
meinen Schicksale der größeren Städte des 15. Jahrhunderts typisch 
mit erlebt. Sprang die schwärmerische Bewegung hierher über, 
so fand sie ganz andern sozialen Zündstoff, als in ihren vor— 
nehmsten Standorten bisher; ein blutiges Beispiel alles Unheils 
war zu erwarten, das sie in Verbindung mit den Bestrebungen 
eines fortgeschrittenen Proletariats anzurichten imstande war. 
Anfang des Jahres 1523 kam nach Mühlhausen Heinrich 
Pfeiffer, ein verlaufener Mönch eines Klosters des Eichfelds, 
der seit 1321 als Prädikant des neuen Wortes vagabundiert 
hatte. Er predigte sofort gegen die alte Kirche mit aufrühre— 
rischen Motiven: die Klerisei sei vom Teufel; ihr Eigentum sei 
armer Leute Schweiß und Blut. Der Rat, reformatorisch ge— 
finnt, blieb ihm gegenüber anfangs unschlüssig; so glitt die 
von Pfeiffer bewirkte Erregung in revolutionäres Fahrwasser. 
Die Gemeinde stand auf; sie formulierte ihre lange zurück— 
gehaltenen Forderungen gegenüber den Geschlechtern: bessere 
Zusammensetzung des Rates, geringere und gerechtere Steuern, 
vor allem Mitwirkung der Gemeinde an der Regierung durch 
einen Ausschuß. Als der Rat die Annahme verweigerte, kam 
es zu offener Gewalt; die Klöster wurden geplündert (8. Juli 
1523). Darauf gab der Rat nach, doch Pfeiffer, der in der 
nachwogenden Dünung der Revolution weiter hetzte. ward aus— 
gewiesen. 
Indes es trat keine volle Beruhigung ein. Eine radikale 
Partei war aus den Kämpfen festgebildet zurückgeblieben; 
Pfeiffer kehrte schließlich unter ihrem Schutze zurück und be— 
gann nun vollkommen münzerische Ideen zu entwickeln. Er 
sprach vom kommenden Reiche des Glücks, er verwarf die be— 
stehende Obrigkeit; er erregte einen Bildersturm bis über das 
städtische Weichbild hinaus. Und nun erschien Münzer selbst; 
am 24. August 1524. Er begann eine Agitation voll wahn— 
witziger Schlagwörter; er führte die Menge von neuem zum 
Bildersturm, er schüchterte die Feigen unter dem Rate ein und
	        
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