Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 319
vertrieb die Beherzten. Darauf begann er ein ungeordnetes,
in hohlen Phrasen sich ergehendes Regiment voll theokratischer
Schrecknisse; die Stadt befand sich am Rande des Abgrunds.
Es ist der Augenblick, da die Schutzherren der Stadt,
Philipp von Hessen und Georg von Sachsen, sowie ihre länd—
lichen Unterthanen, aufgeboten von den letzten besonnenen Resten
des Rates, die Gegenrevolution begannen und Münzer und
Pfeiffer vertrieben (27. September 1524). Von da ab mündete
die Bewegung in den mitteldeutschen Bauernkrieg des Jahres
1525 ein, in dem Pfeiffer und Münzer schließlich unterlegen
sindJ.
Die Mühlhausener Vorgänge nicht minder wie die früheren
kleineren Bewegungen hatten gezeigt, daß das enthusiastische
Schwärmertum keine Zukunft besaß. Verloren in einen wüsten
Subjektivismus, wahllos und willkürlich, oberflächlich und
ordnungsfeindlich, mußte es in furchtbaren Katastrophen, die
doch nur den Wert von Episoden hatten, zu Grunde gehen.
Ganz andere Bedeutung hatte das quietistische, oberdeutsche
Schwärmertum, wie es von Zürich mit zuerst ausging.
Nach Zürich, der Stadt kirchlicher Reformation und an—
scheinend religiöser Duldung, waren seit dem Auftreten Zwinglis
die Sektierer aus allen Orten zusammengeströmt, aus dem
schwäbischen und bairischen Oberland, aus Basel, aus dem
Thurgau, aus Graubünden. Anfangs ruhig sich unterordnend,
begannen sie seit 1628 einen Kreis selbständiger Meinungs⸗
äußerung gegenüber Zwingli zu bilden. Sie mißbilligten
Zwinglis Haltung in der Frage der Berechtigung der Zinse
und Zehnten, sie fanden seine reformatorischen Fortschritte nicht
radikal, nicht biblisch genug. Sie wollten, verstärkt durch
Züricher Handwerker, eine besondere Gemeinde des Heils bilden
in Verfolgung des apostolischen Beispiels, und sie gewannen
für ihre schwärmerischen Bestrebungen die Gunst einiger vor—⸗
nehmer Männer Zürichs. So entstand ein traumseliges Ge—
meindeleben in der kommunistischen Reinheit des Pfingstfests,
S. unten S. 349 ff.