320 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
der Welt abgeschieden, demütig in Leid und Ertragung, hoch—
mütig in der Kritik anderer, noch ohne ausgebildete Lehre,
ohne kirchlichen Zwang: kaum, daß Unwürdige ausgestoßen
wurden.
Aber im Jahre 1524 wuchs die Gemeinde immer mehr,
und in der Verwerfung der Kindertaufe zeigte sich ein erstes,
wenn auch zunächst nur negatives Moment kirchlichen Ab—
schlusses. Es war ein Punkt, von dem aus sich immerhin
schon eine äußerliche Scheidung der Geister vollziehen ließ,
und Zwingli benützte das, um am 28. Januar 1528 die Häupter
des neuen Glaubens aus Zürich zu vertreiben.
Aber vor der nun eintretenden ersten Not der Verfolgung
verbanden sich die Häupter der Gemeinde noch einmal durch
erneute Taufe und nahmen darauf das Nachtmahl Christi, auf
daß sie alle eins und je einer des andern Bruder in Christo
wären!. So wurden sie zu Wiedertäufern: eine kirchliche Institu—
tion verband jetzt die Glieder zu einer auch äußerlichen Gemein—
schaft; als Angehörige einer neuen, verhaßten, verachteten Kirche
zogen die Verbannten hinaus unter das Volk der oberdeutschen
Stämme, ein neues Evangelium zu predigen. Und in Sturmes—
eile flogen die Funken der neuen Lehre von Ort zu Ort;
namentlich in den Großstädten, in Bern und Basel, in
St. Gallen und Schaffhausen, in Straßburg und Speier, in
Augsburg und Nürnberg fanden sie entsprechende, vielfach
schon in eigener Entzündung emporlodernde Nahrung. Und in
Nürnberg, später in Augsburg, fand sich in Hans Denck, dem
Schulmeister von St. Sebald, dem Apollo der Wiedertäufer,
der Mann, der der neuen Lehre zu vollendetem spekulativem
Ausdruck verhalf. Ihm galt die Bibel zwar als Gottes Wort,
aber nur für den, der willens ist, es darin zu finden; vor
aller Offenbarung steht das religiöse Gefühl, das „innere
Wort“. Nur indem wir inne werden, daß ein Funken gött⸗
lichen Geistes in uns ist, daß das Reich Gottes in uns wohnt,
gelangen wir zum richtigen Verständnis der Bibel. Diese
Cornelius, Wiedertäufer 1, 27.