Full text : Antike Wirtschaftsgeschichte

40  Drittes  Kapitel.  Das  Zeitalter  der  griechischen  Kolonisation.
dem  Handel  und  der  Industrie  zuwendeten.  Die  Grundbesitzer  spielten
noch  immer  die  erste  Rolle,  unter  ihnen  aber  vor  allem  jene,  welche
auch  andere  Geschäfte  betrieben.  Aber  neben  dem  alten  Grundadel
gab  es  nun  schon  viele  Bürger,  die  durch  Handel  und  Gewerbe
große  Reichtümer  erworben  hatten  und  nun  eine  Stellung  beanspruchten, ­
  die  ihrem  Grundbesitz  allein  nicht  entsprach.  Die  Umwälzungen ­
  des  6.  Jahrhunderts  schufen  so  die  Bourgeoisie,  die
sich  deutlich  vom  Arbeiter-  und  Handwerkerstande  abhob.  Während
bis  dahin  große  und  kleine  Handwerker  mit  den  Lohnarbeitern  in
einer  Klasse  vereinigt  waren,  sonderten  sich  nun  die  Unternehmer
immer  mehr  ab,  um  erst  mit  den  kleinen  Bauern  und  schließlich  mit
den  Großgrundbesitzern  in  derselben  sozialen  Klasse  zu  rangieren.
Nachdem  fast  in  ganz  Griechenland  das  Königtum  gestürzt  war
(S.  28),  wurden  in  der  folgenden  Zeit  die  Vorrechte  des  Adels
beseitigt,  obzwar  er  auch  nachher  tatsächlich  in  vielen  Staaten  die
Macht  in  der  Hand  hatte.  Einer  der  ersten  Erfolge  gegen  den  Adel
bestand  darin,  daß  die  Rechtsprechung  geregelt  und  ein  geschriebenes
Gesetz  geschaffen  wurde.
Die  weiteren  Bewegungen  des  Volkes  gegen  die  Adelsherrschaft
brachten  in  vielen  Städten  Tyrannen  in  die  Höhe,  die  oft  dem
Adel  angehörten.  Im  6.  Jahrhundert  war  die  Tyrannis  über
die  ganze  griechische  Welt  verbreitet.  Im  Osten  war  Polykrates
von  Samos  einer  der  mächtigsten  und  berühmtesten  (Herodot  III,  39).
Er  schloß  sich  an  die  Perser  an  und  stellte  ihnen  seine  ausgezeichnete ­
  Flotte,  die  er  sonst  zu  Raubfahrten  im  ganzen  Ägäischen  Meere
verwendet  hatte,  gegen  die  Ägypter  zur  Verfügung,  mit  denen  er
früher  gute  Beziehungen  gepflegt  hatte  (S.  18).  Ein  Tyrann
war  es  auch,  der  die  Verteidigung  Milets  gegen  die  Lyder  leitete
(S.  32).  In  Athen  warf  sich  Pisistratus,  der  die  koloniale  Expansion ­
  seiner  Vaterstadt  einleitete,  zum  Tyrannen  auf.  So  besetzte
er  zuerst  oder  von  neuem  Sigeon  auf  dem  südlichen  Vorgebirge
des  Hellesponteinganges.  Das  nördliche  Vorgebirge  wurde  von
dem  Athener  Miltiades  I  besetzt,  der  auf  dem  thrazischen  Chersones
ein  Fürstentum  gründete  und  sich  mit  Athen  gut  stellte.  Der  Eingang ­
  zum  Hellespont  war  so  in  den  Händen  Athens,  wodurch  die
Getreidezufuhr  aus  dem  Schwarzen  Meer  schon  wesentlich  gesichert
war.  Zu  einer  bedeutenden  Vergrößerung  der  Flotte  kam  es  aber
nicht,  da  Pisistratus  sonst  dem  Landvolk  sehr  freundlich  gesinnt
war  und  viel  für  dasselbe  tat,  jedoch  gelang  es  ihm,  den  Einfluß
Athens  auf  Delphi  zu  sichern,  ¡ber  im  lnächsten  Jahrhundert  von
            
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