fullscreen: Sittlichkeit in Ziffern?

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Dritter Teil. 
ist, daß die seelische Gleichgültigkeit der Dirne bei Begehung 
des Geschlechtsaktes eben Ausdruck der Vielheit desselben, 
d. h. Präventivum gegen zu schnelle Abnutzung der Emotivität 
ist und folglich als beruflich gebunden erscheint —, so darf 
bei den berufsmäßigen Prostituierten dennoch nicht von einer 
gänzlichen Zerstörung des Gefühlslebens gesprechen werden. 
Unter den Kindesmörderinnen und Abortierenden bilden z. B. in 
Neapel253 die jüngsten und unerfahrensten, die naivsten und 
in gewissem Sinne die Besten, die Schande am schwersten er- 
tragenden, am meisten leidenden die Mehrzahl. Ernste Männer 
haben die Behauptung verfochten, daß es erfahrungsgemäß 
gerade die allerbesten, warmblütigsten, hingebendsten, gläu- 
bigsten Elemente gewisser Frauenschichten seien, welche, wie 
der unehelichen Schwängerung ?53a, so auch der Prostitution am 
teichtesten anheimfallen?54, Auch darf von einer Vernichtung 
der Persönlichkeitswerte solange nicht gesprochen werden, als 
nicht bewiesen werden kann, daß in den Dirnen andere, ebenso 
zentrale Gemütserregungen, wie die Liebe und Hingabe zur Aszen- 
denz (Eltern) und zur Deszendenz (Kindern), ebenfalls er- 
(öschen. Diese Beweise liegen aber nicht vor%5, Die Beziehungen 
zur Familie werden vielfach aufrechterhalten?552, Auf die Er- 
scheinung, daß ein immerhin nicht unbeträchtlicher Bestandteil 
der Dirnen nur aus Familiengefühl, d. h. zur Unterstützung der 
alten und kranken Mutter oder des eigenen Kindes zum Gewerbe 
der Unzucht gegriffen hat, ist häufig hingewiesen worden 256. 
253 Hamnett, p. 89. 
3a Vgl. S. 65 unseres Buches. 
%54 Vgl. z. B. Hessen, S, 48, 57, 123. — Moll, 1. ©, pr 66. . 
%5 In Sizilien weigern sich auch die allerniedrigsten Dirnen, an ihren 
Kunden die Fellatio oris vorzunehmen, weil sie sich sonst nicht mehr ge- 
‚rauen könnten, ihre Kinder oder ihre Mütter auf den Mund zu küssen. 
%55a Charles-Louis Philippe, Bubu de Montparnasse, Paris 1927, 
Bibl. Charpentier, P- 149. 
256 Zum Beispiel von Parent-Duchatelet, vol, I, p. 144; Miche- 
let, p. 412. — Mit Vorliebe werden sittlich hochstehende Motive der
	        
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