Full text : Grundzüge der Sozialpolitik

2.  Kapitel.  Voraussetzungen  der  Sozialpolitik.

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Unternehmern  und  Arbeitern.  Der  gebundene,  aber  gegen  Wechselfälle ­
  des  Lebens  einigermaßen  gesicherte  Arbeiterstand  wurde  ersetzt
durch  die  freie  Lohnarbeiterklasse  in  landwirtschaftlichen  und  nichtlandwirtschaftlichen ­
  Berufen.  In  beiden  wurde  der  freie  Arbeitsvertrag  die
Grundlage  des  Arbeitsverhältnisses.  Dies  und  die  allmählich  notwendig
gewordene  rechtliche  Anerkennung  der  Bewegungsfreiheit  des  Arbeiters
ließen  das  Arbeitsverhältnis  mehr  von  rein  geschäftlichen  Gesichtspunkten ­
  beherrscht  werden.  Mit  dem  familienhaften  Zusammenhang
verlor  sich  die  persönliche  Fürsorge  des  Arbeitgebers  für  den  Arbeiter.
Durch  den  Untergang  der  Zünfte  schwand  auch  der  Rückhalt,  den
deren  Unterstützungskassen  sonst  geboten  hatten.  Nur  beim  Bergbau
wurde  dieser  Ausfall  vermieden,  weil  die  Knappschaftskassen  bestehen
blieben.  Die  Hauptmasse  der  Lohnarbeiter  wurde  frei,  aber  auch  im
wesentlichen  auf  sich  selbst  angewiesen  und  gleichzeitig  als  eine  in
der  Hauptsache  dauernd  unselbständige  Klasse  den  Unternehmern
gegenübergestellt,  weil  die  wachsende  Bedeutung  des  Kapitals  und
des  technischen  und  kaufmännischen  Wissens  für  den  modernen  Betrieb
dem  Aufsteigen  zur  wirtschaftlichen  Selbständigkeit  Hindernisse  entgegenstellt, ­
  die  der  vermögenslose  und  einfach  gebildete  Arbeiter  nur
in  sehr  seltenen  Fällen  überwinden  kann.  Unternehmer  und  Arbeiter
sind  zwar  im  letzten  Grunde  auch  heute  noch  an  dem  Fortbestand  und
an  dem  Gedeihen  des  Betriebes  gemeinsam  interessiert;  aber  sie  sind
doch  weit  auseinander  gerückt.  Der  Arbeiter  entstammt  jetzt  einer
ganz  anderen  Volksschicht,  macht  einen  anderen  Bildungsgang  durch,
bewegt  sich  dauernd  in  anderen  Gesellscliaftsschiehten  und  Lebensverhältnissen, ­
  als  der  Unternehmer.  In  den  zahllosen  Interessen
des  täglichen  Lebens  gehen  die  Wege  beider  auseinander.  Nicht  mit
derselben  Schärfe,  aber  doch  in  ähnlicher  Richtung  haben  sich  die
Verhältnisse  der  Angestellten  verschoben;  nur  darf  nicht  übersehen
werden,  daß  die  geringeren  Stufen  der  Angestellten  von  diesen  Verschiebungen ­
  mehr  berührt  werden,  als  die  höheren,  ein  Unterschied,
der  in  abgeschwächtem  Maße  auch  innerhalb  der  Lohnarbeiterklasse
zu  Tage  tritt.
Die  große  Umivälzung  der  gesamten  Lebensverhältnisse  der  Lohnarbeiterklasse ­
  hat  sich  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  vollzogen.  Gerade ­
  deshalb  aber  ist  es  nicht  möglich  gewesen,  den  besonderen  Bedürfnissen, ­
  die  sich  aus  den  neuen  Verhältnissen  ergeben  haben,  in
ausreichendem  Maße  gerecht  zu  werden.  Es  hat  sich  ein  Abstand
zwischen  berechtigten  Bedürfnissen  der  wirtschaftlich  unselbständigen
Klassen,  insbesondere  der  Lohnarbeiterklasse,  und  ihren  Lebensverhältnissen ­
  entwickelt.  Die  Frage,  wie  er  zu  vermindern  oder  zu  beseitigen
sei,  ist  der  Inhalt  der  „sozialen  Frage“,  als  deren  wichtigste  Einzelform ­
  die  Lohnarbeiterfrage  erscheint.  Die  nach  Lage  der  Verhältnisse
van  der  Borght,  Grundz.  d..  Sozialpolitik.  2
            
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