13. Kapitel. Die Arbeiterwohnungsfrage.
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Mittel nicht unmittelbar beeinflussen, weil sie ein Ergebnis der gesamten
wirtschaftlichen Entwicklung sind und eine Behandlung lediglich unter
dem Gesichtswinkel der Wohnungsreform nicht zulassen. Im ganzen
gilt das auch von dem Einfluß des großen Verkehrswesens. Mit der
Tatsache, daß die größere Beweglichkeit der Bevölkerung infolge des
Eisenbahnwesens auch die Anhäufung der Bevölkerung an bestimmten
Stellen erleichtert, muß man sich abfinden, zumal an sich damit auch
eine entgegengesetzte Bewegung erleichtert wird. Man erwartet von
einer stärkeren Einfügung leistungsfähiger Wasserstraßen in das Ver
kehrswesen eine größere Dezentralisation der gewerblichen Anlagen
und damit auch ein Auseinanderziehen der kompakten Arbeitermassen.
Diese Erwartung kann sich bezüglich neu entstehender Anlagen aller
dings erfüllen, sofern sie nicht auf die Benutzung von Hilfsgewerben,
Einrichtungen und geschäftlichen Beziehungen angewiesen sind, die
entweder durch natürliche Verhältnisse oder durch lange und einge
wurzelte Gewohnheiten an bestimmte Örtlichkeiten gebunden sind. In
bezug auf die vorhandenen Anlagen wird sich jene Erwartung nur in
geringerem Maße verwirklichen können. Bei vielen Anlagen sind im
Boden, in Gebäuden und in ihrer Einrichtung und Ausrüstung und dgl.
so große Geldkapitalien festgelegt, daß sie nicht lediglich der neuen
Wasserstraße wegen herausgezogen werden können. Erst wenn sonstige
Umstände einen Wechsel des Standorts erwünscht und möglich er
scheinen lassen, würde hier die Rücksicht auf die Wasserstraße mit
sprechen. Man darf also die Erwartungen auf die dezentralisierende
Wirkung neuer Wasserstraßen nicht zu hoch spannen. Eine unmittel
bare günstige Einwirkung auf die Arbeiterwohnungsverhältnisse wird
davon kaum ausgehen können; aber einer zunehmenden Verschärfung
der Wohnungsmißstände, wie sie durch das Aufkommen neuer Betriebs
stätten eintreten könnte, würden unter gewissen Voraussetzungen neue
leistungsfähige Wasserwege entgegenwirken können.
Mehr Bedeutung kann die Gestaltung des inneren und das Nah
verkehrs in den Städten und in ihrer Umgebung gewinnen. Häufige,
schnelle und billige Verkehrsgelegenheiten zwischen den Außenbezirken
und der Stadt oder den Stadtteilen, in der oder in denen sich die
Arbeitsstätten befinden, erleichtern das Wohnen in den Außenbezirken,
in denen eher Baugelände für billige und gute Arbeiterwohnungen zu
finden ist. Aber es müssen wirklich häufige, schnelle und billige Ver
kehrsgelegenheiten sein, weil sonst der Zeitverlust und Kostenaufwand
die Arbeiter hindern würde, in den Außenbezirken zu wohnen. Im
übrigen ist hierbei nicht zu vergessen, daß die Bodenspekulation sich
vielfach der Entwicklung der Verkehrsveranstaltungen unmittelbar an
schließt und durch Steigerung des Bodenwerts die Vermehrung billiger
Wohnungen erschwert. In jedem Falle handelt es sich bei solchen