Full text : Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert

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er  eine  Bemerkung  Tliaers  an,  „dass  in  der  Regel  die  Angaben  der  Ein-'
saat  sowohl  wie  des  Körnerertrages,  woraus  die  Kammertabellen  angefertigt
werden,  unter  der  Wahrheit  bleiben“.
Man  wird  diesen  Bemerkungen  zustimmen  müssen;  denn  es  ist  von
vornherein  wahrscheinlicher,  dass  die  Landwirte  bei  ihren  Angaben  etwas
übersehen  oder  als  zu  geringfügig  unerwähnt  lassen,  als  dass  sie  etwas
hinzudichten  sollten.  Aber  bat  nicht  an  diesem  Übelstande  selbst  die
moderne  Statistik  noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zu  leiden?  Es  ist
doch  unter  Umständen  schon  von  Wert,  von  einer  bestimmten  Angabe
sagen  zu  können,  dass  sie  „unter“  der  Wahrheit  liegt;  man  weiss  dann
wenigstens,  in  welcher  Richtung  die  volle  Wahrheit  zu  suchen  ist.  In
dem  vorliegenden  Falle  haben  wir  also  in  den  Aussaattabellen  Minimalzahlen ­
  vor  uns  und  müssen  diesem  Umstande  Rechnung  tragen;  wenn  aber
Conrad  den  Marienwerder  Fall  verallgemeinert  und  meint,  dass  die  Krugschen
  Angaben  über  die  Aussaat  überhaupt  nur  auf  allgemeiner  Schätzung
beruhen  und  darum  ganz  unsicher  seien,  so  steht  seine  Auffassung  nicht
im  Einklang  mit  den  Äusserungen  Krugs,  der  uns  selbst  darüber  Aufschluss ­
  gibt,  wie  die  Zahlen  gewonnen  worden  sind.  „Die  Tabellen  von
der  Aussaat“,  schreibt  er, 1 )  „und  dem  Durchschnittsertrage  aller  Grundstücke ­
  und  von  der  Menge  des  vorhandenen  Viehes  aller  Art  sind  nicht
bloss  die  brauchbarsten  Quellen  zu  einer  berechnenden  Statistik,  sondern
sie  sind  auch  glücklicherweise  die  glaubwürdigsten  unter  allen,  und  die
fortgesetzte  Aufmerksamkeit  der  höheren  Staatsbehörden  kann  ihnen  eine
Vollkommenheit  und  eine  über  alle  Zweifel  erhabene  Sicherheit  geben,
welche  von  allen  vorher  genannten  statistischen  Notizen  unmöglich  ist.
Diese  Tabellen  werden  im  einzelnen  durch  die  Schulzen  auf  den  Dörfern,
die  Beamten  auf  den  Ämtern  und  die  Magistrate  in  den  Städten  aufgenommen, ­
  und  hier  kann  der  Aufmerksamkeit  der  örtlichen  Unterbehörden
nicht  leicht  ein  Scheffel  Aussaat  entgehen,  da  diese  Offizianten  die  Feldflur
ihres  Ortes  genau  kennen  und  vielleicht  willkürliche  und  zu  geringe  Angabe
einzelner  Ackerbesitzer  schon  nach  ihrer  Kenntnis  des  Bodens  zu  beurteilen
wissen;  noch  leichter  ist’s,  bei  der  Angabe  vom  Viehstande  Fehler  zu
vermeiden  und  Verleugnungen  zu  entdecken  —  und  so  kann  dieses  Tabellenwesen ­
  mit  völligem  Rechte  die  sicherste  Grundlage  staatswirtschaftlicher
Berechnungen  sein.“
Man  braucht  den  Optimismus  Krugs  nicht  ganz  zu  teilen,  soviel
steht  indessen  fest:  die  Quellen,  die  er  benutzte,  waren  amtlicher  Natur
und  die  besten,  die  damals  überhaupt  zu  haben  waren.  Das  Krugsche
Werk  hat  denn  auch  den  zeitgenössischen  und  spätem  Schriftstellern,  die
sich  mit  den  staats-  und  volkswirtschaftlichen  Verhältnissen  Preussens
befassten,  stets  als  Grundlage  gedient.  So  schreibt  auch  August  Meitzen
in  seinem  bekannten  Werke  über  die  landwirtschaftlichen  Verhältnisse  des
preussischen  Staates: 2 )  „Die  Resultate  dessen,  was  mit  den  damaligen
b  Betrachtungen  über  den  Nationalreichtum  Bd.  I,  S.  23.
2 )  August  Meitzen,  Der  Boden  und  die  landwirtschaftlichen  Verhältnisse  des
preussischen  Staates.  1.  Bd.  Berlin  1868.  S.  2.
            
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