Full text : Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert

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also  439  kg  oder  878  Pfund,  d.  h.  120%  mehr  als  vor  100  Jahren.  Würde
man  übrigens  nicht  die  Gewichte  der  lebenden  Tiere,  sondern  die  Schlachtgewichte ­
  miteinander  vergleichen,  so  würde  der  Unterschied  zwischen
einst  und  jetzt  noch  mehr  hervortreten,  weil  die  Tiere  heute  im  allgemeinen ­
  in  besserem  Mastzustande  geschlachtet  werden  und  die  Schlachtprozente ­
  daher  grösser  sind.  Aber  nicht  nur  dass  die  Fleischergiebigkeit
des  einzelnen  Tieres  gewaltig  gestiegen  ist,  für  die  gesamte  Fleischproduktion ­
  kommt  auch  in  Betracht,  dass  heute  von  den  an  einem  Tage  gezählten ­
  Tieren  im  Laufe  des  Jahres  verhältnismässig  mehr  zur  Schlachtung
kommen  als  früher,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  die  Tiere  heute  viel
schneller  wachsen  und  reif  werden  und  die  ganze  Herde  sich  viel  schneller
erneuert.  Die  Einführung  und  Züchtuug  frühreifer  Rassen  hat  es  in  Verbindung ­
  mit  reichlicher  Fütterung  zuwege  gebracht,  dass  die  Rinder  heute
schon  mit  l 1 / 2 —2  Jahren  dasjenige  Reifestadium  erreichen,  welches  sie
früher  erst  mit  3—4  Jahren  erlangten.  Soweit  es  sich  also  um  die  Schlachtung ­
  von  solchen  Tieren  handelt,  die  eben  ausgewachsen  sind,  hat  sich  der
Umsatz  im  Laufe  des  Jahrhunderts  um  mindestens  50%  beschleunigt.
Aber  man  lässt  heute  bei  der  viel  rationelleren  Betriebsführung  auch  die
übrigen  Tiere,  welche  vor  der  Schlachtung  erst  eine  Zeit  lang  zur  Zucht,
zum  Zuge  oder  zur  Milchproduktion  verwendet  werden,  nicht  mehr  so  alt
werden  wie  früher,  weil  alte  Tiere  sich  schlecht  mästen  und  bei  den
heutigen  gesteigerten  Ansprüchen  an  die  Qualität  des  Fleisches  schwer
verkäuflich  sind  und  schlechter  bezahlt  werden.  Man  kann  annehmen,  dass
sich  auch  bei  dieser  letztgenannten  Kategorie  die  Erneuerung  des  Bestandes
heute  um  ca.  50  %  schneller  vollzieht  als  früher.
Auch  die  Milchleistung  des  einzelnen  Tieres  ist  heute  eine  viel  grössere
als  ehedem.  Nach  v.  Kahlden 1 )  wurden  auf  12  schlesischen  Gütern  iin
Jahre  1897  von  durchschnittlich  969  Kühen  pro  Kopf  und  Tag  6,76  1  gemolken, ­
  das  macht  pro  Jahr  und  Kuh  2467  1.  v.  Roberti 2 )  gibt  den
jährlichen  Ertrag  einer  Herde  von  36—46  Kühen  in  den  Jahren  1886/87
bis  1899/1900  pro  Kuh  und  Jahr  auf  1816—2865  1  an.  Es  ist  dabei  zu
bemerken,  dass  die  Ziffer  1816  annormal  ist,  weil  die  Herde  in  dem  betreffenden ­
  Jahre  an  Maul-  und  Klauenseuche  erkrankt  war.  Der  gewöhnliche ­
  Durchschnitt  war  sonst  2436  1.  Auf  einem  von  Büttner 3 )  beschriebenen ­
  schlesischen  Rittergute  war  der  Milchertrag  pro  Tag  und  Kuh
im  Durchschnitt  des  Jahres  8  1,  pro  Jahr  und  Kuh  also  2920  1.  Man
darf  nach  alledem  als  die  durchschnittliche  jährliche  Milchproduktion  einer
Kuh  heute  2000—2500  1  annehmen.  Im  Vergleich  zu  der  Thaerschen
Angabe,  die  wahrscheinlich  noch  über  dem  damaligen  Durchschnitt  steht,
bedeutet  das  eine  Steigerung  um  150—200%.
Was  die  Schweine  anbelangt,  so  sind  die  Gewichtsangaben,  die
Schwerz  macht,  erstaunlich  hoch:  200—300—400—500  Pfund.  Wir
9  Die  Herrschaft  Kuchelna;  Landw.  Jahrb.  29.  Bd.  Berlin  1900.
")  Über  die  Zucht  der  Milchkuh.  Merseburg  1902.  S.  52.
3 )  Ein  schlesisches  Rittergut.  Berlin  1901.  Beide  Abhandlungen  abgedruckt  in
Mitteil.  d.  landw.  Institute  der  Königl.  Univers.  Breslau.
            
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