Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

10.  Industrie  und  Lande!  in  Deutschland  vor  70  Jahren.  85

die  Ausfuhr  dieses  Artikels  verboten,  unter  dem  Vorwände,  daß  der  Kriegsmarine
dieses  wichtige  Rohmaterial  nicht  entzogen  werden  dürfe.  Dieses  Verbot  wurde  auf
die  unablässigen  dringenden  Vorstellungen  des  Straßburger  Landels  im  Jahre  1816
wiederaufgehoben,  und  von  da  ab  gewann  dieser  Geschäftszweig  eine  bedeutende  Entwickelung. ­
  Der  elsässische  Lanf  fand  hauptsächlich  in  der  Schweiz  und  in  Südfrankreich
großen  Absah.
Der  Anbau  und  die  Verarbeitung  von  Krapp  (Färberröte)  hatte  seit  der  Mitte
des  18.  Jahrhunderts  im  Elsaß  eine  große  Bedeutung  gewonnen.  Im  Anfang  des
19.  Jahrhunderts  wurden  ca.  30000  Zentner  geerntet,  welche  sowohl  roh  (getrocknet)
als  vermahlen  nach  ganz  Frankreich,  der  Schweiz  und  Deutschland  abgesetzt  wurden.
Auch  dieser  Geschäftszweig  hatte  in  jener  Zeit  unter  fiskalischen  Maßregeln  vorübergehend ­
  zu  leiden.  Lohe  Einfuhrzölle  auf  rohe  wie  auf  bedruckte  Stoffe  schädigten,
erstere  die  inländischen,  letztere  die  ausländischen  Zeugdruckereien,  und  beeinttächtigten
wesentlich  den  Absatz  des  elsässischen  Farbstoffes.
Auch  die  Ausfuhr  von  Stärke  war  zeitweilig  verboten  worden;  zahlreiche  elsässische
Fabrikanten  hatten  sich  genötigt  gesehen,  ihren  Bettieb  auf  das  rechte  Rheinufer  zu
verlegen,  von  wo  aus  sie  jetzt  der  einheimischen  Industtie  eine  schwere  Konkurrenz
bereiteten.
Ihre  volle  Entfaltung  konnte  dagegen  in  jener  Zeit  der  Lande!  mit  Ölsaaten
und  Ölen,  insbesondere  mit  Rapsöl,  sowie  mit  Klee-  und  Senfsamen  nehmen,  der
dann  noch  längere  Zeit  hindurch  zu  den  wichtigsten  Landelszweigen  Straßburgs  gehörte.
Lier  seien  schließlich  noch  die  Tuchindustrie,  welche  damals  in  Bischweiler  den
Grund  zu  ihrer  späteren  großen  Blüte  legte,  und  der  Sttaßburger  Tuchhandel  genannt,
welche  beide  durch  ihre  Lieferungen  an  die  Truppen  reichen  Nutzen  fanden.
Obgleich  der  Lande!  in  dieser  bewegten  Zeit  des  ersten  Kaiserreiches  in  mancher
Linsicht  beengt,  zum  Teil  sogar  schwer  geschädigt  wurde,  so  blieb  doch  die  Erinnerung
an  jene  glänzende  Epoche  im  Geiste  des  Straßburger  Kaufmannsstandes  noch  lange
wach,  und  sie  wird  in  späteren  Berichten  oft  als  die  erfolgreichste  unserer  Landelsgeschichte
  erwähnt.

10.  Industrie  und  Handel  in  Deutschland  vor  70  Jahren.
Von  Otto  Bähr.
Bahr,  Line  deutsche  Stadt  vor  60  Jahren.  Massels.  2.  Aufl.  Leipzig,  L.  ll).  Grunow,
*886.  5.  9*—98.
Industrie  und  Lande!  bewegten  sich  vor  zwei  Menschenaltern  noch  in  den  engsten
Grenzen.  Für  große  Unternehmungen  fehlte  es  den  einzelnen  an  zureichendem  Kapital.
Aküengesellschasten  waren  nur  wenig  in  Abung.  Demgemäß  waren  manche  Gewcrbszweige,
  welche  nur  im  Wege  der  Kapitalassoziation  betrieben  werden  können,  z.  B.  das
Versicherungswesen,  noch  in  der  Kindheit.
Der  Großindustrie  fehlte  das  belebende  Element  der  Neuzeit,  die  Dampfmaschine.
Nirgends  sah  man  die  hohen  Schornsteine,  welche  jetzt  unsere  Jndustriestätten  bezeichnen.
Die  Arbeit  war  fast  ausschließlich  Landarbeit.  Die  Fabrik  unterschied  sich  von  dem
Landwerk  nur  durch  die  größere  Arbeitsteilung  und  die  Leitung  des  Fabrikherrn.
Natürlich  konnten  solche  Betriebe  auch  nur  von  geringerem  Amfange  sein.  Als  Beispiel ­
  kann  die  jetzt  hochblühende  Maschinenfabrik  von  „Lenschel  &  Sohn"  in  Kassel
dienen,  welche  damals  in  dem  alten,  noch  unter  Leitung  des  Argroßvaters  des  jetzigen
            
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