Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

10.  Industrie  und  Lande!  in  Deutschland  vor  70  Jahren.  87

der  auf  diese  Weise  seinen  Malzextrakt  zu  einer  europäischen  Berühmtheit  gemacht  hat.
Man  gewinnt  ein  anschauliches  Bild  dieses  Gegensatzes,  wenn  man  einmal  den  einfachen ­
  Anzeigen  einer  damaligen  Zeitung  die  Anzeigespalten  eines  vielgelesenen  heutigen
Lokalblattes  gegenüberhält.  Ist  es  doch,  als  ob  für  jede  Anzeige  ein  besonderer  Druck
erfunden  wäre,  um  nur  recht  auffällig  dem  Leser  in  die  Augen  zu  leuchten.  Lind  was
alles  wird  dort  angezeigt!  „Leute  geschlachtet"  wiederholt  sich  unzähligemal;  als  ob
auch  jedes  Borstentier  einer  Todesanzeige  bedürfte.  Dieses  Reklamewesen  hat  aber
Bedeutung  nicht  allein  für  Lande!  und  Wandel,  sondern  auch  für  den  Bestand  der
Zeitungen  gehabt,  deren  viele  aus  demselben  ihre  reichste  Einnahme  beziehen  und  dadurch
ihre  Existenz  sichern.
Ein  erst  seit  einem  Menschenalter  üblich  gewordenes  Mittel,  Industrie  und
Lande!  zu  fördern,  sind  auch  die  Ausstellungen,  die  man  nach  dem  ersten  Vorgänge
der  Londoner  Ausstellung  von  1851  an  vielen  Orten  bald  in  größerem,  bald  in  kleinerem
Amfange  veranstaltet  hat.
Die  Schwierigkeiten,  welche  dem  deutschen  Lande!  aus  der  Verschiedenheit  der
deutschen  Münzwährung  erwuchsen,  haben  bis  zu  der  jüngsten  Reichsgesetzgebung  fortgedauert ­
  und  sind  daher  in  aller  Erinnerung.  Sie  sind  sogar  im  Laufe  der  mittleren
Jahrzehnte  des  19.  Jahrhunderts  noch  gewachsen  durch  die  Flut  papierner  Wertzeichen,
welche  jeder  kleine  deutsche  „Raubstaat"  und  jede  Bank  nach  Belieben  in  die  Welt
sandte.  Dazu  kam,  daß  das  damalige  Silbergeld  nur  schwer  zu  verführen  war.
Bedurfte  z.  B.  ein  Kasseler  Bankier  baren  Geldes,  so  ließ  er  ein  Füßchen  voll  Silbertaler ­
  wohlverpackt  durch  die  Post  von  Frankfurt  kommen.  Reisende  pflegten  zur
Bestreitung  ihrer  Reisekosten,  statt  baren  Geldes,  Kreditbriefe  oder  Wechsel  auf  die
Orte,  die  sie  berührten,  mitzunehmen.  Deshalb  spricht  auch  heute  noch  der  Student
von  „seinem  Wechsel".
Schwer  ist  es  auch,  sich  noch  eine  Vorstellung  zu  machen  von  der  Rot,  in
welche  der  deutsche  Lande!  vor  60  Jahren  durch  die  allerorten  sich  ihm  entgegentürmenden ­
  Zollschranken  verseht  war.  Die  größer»  außerdeutschen  Länder,  Rußland,
Frankreich,  die  Niederlande,  die  größer»  italienischen  Staaten  hatten  ihre  Gebiete
durch  hohe  Zölle  gesperrt.  Auch  England  wies  die  deutschen  Güter  zurück,  welche
dorthin  mit  Nutzen  hätten  eingeführt  werden  können.  Den  Lande!  mit  Spanien  und
der  Türkei  verboten  schon  die  dort  bestehenden  Anruhen.  Auch  im  Seehandel  konnte
Deutschland  mit  den  dafür  günstiger  gelegenen,  mit  reichen  Kolonien  in  Verbindung
stehenden  Ländern  nicht  konkurrieren.  Am  sich  gegen  den  damals  noch  blühenden  Seeraub ­
  zu  schützen,  mußte  der  deutsche  Lande!  mit  englischen  Schiffen  und  mit  englischer
Assekuranz  geführt  werden.  And  bei  dieser  Angunst  der  Verhältnisse  nach  außen  hin
hatten  die  deutschen  Staaten  auch  noch  gegeneinander  überall  Zollschranken  errichtet,
gleichsam  um  sich  gegenseitig  auszuhungern.  Jeder  Staat  unterband  dem  andern  die
Adern  des  freien  Verkehrs,  und  jedem  wurden  sie  wiederunterbunden.  Das  bezeichnete
man  schon  damals  von  einsichtiger  Seite  als  einen  „langsamen  Selbstmord".  Im
Amfang  einer  Meile  Weges  stieß  man  mitunter  auf  mehrere  Schlagbäume.  Die
geringwertigen  Produtte  deutscher  Länder  waren  mit  denselben,  ja  mitunter  sogar  mit
höhern  Zöllen  belegt  wie  die  gleichartigen  außerdeutschen  Produkte  von  weit  höherem
Werte.  In  Österreich  z.  B.  zahlte  der  Eimer  französischen  Weines  60  Gulden,  der
Eimer  deuschen  Weines  90  Gulden  Steuer.  Bei  dieser  Lemmung  des  Verkehrs
hatten  die  Produtte  keinen  andern  Wert  als  den  durch  das  augenblickliche  Bedürfnis
in  nächster  Nähe  bestimmten.  An  Anternehmungen  auf  Spekulation  war  nicht  zu
denken.  Damit  sank  auch  der  Wert  des  Grundeigentums  oft  bis  zur  Kreditlosigkeit
herab.  Gleichsam  als  erlaubte  Notwehr  gegen  dieses  Aushungerungssystem  bildete
sich  überall  der  Schleichhandel  mit  seinen  sittenverderbenden  Wirkungen  aus.  Noch
im  Laufe  der  1820  er  Jahre  versuchten  zwar  mehrere  der  kleineren  deutschen  Staaten
            
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