5. Die angebliche Bestimmung der Preise durch Angebot und Nachfrage. 157
bei allen Personen voraus, welche selbständige Verträge abschließen können. Jene
Kenntnis ist freilich eine Pictio juris, welche durchaus nicht überall und nicht immer
zutrifft; im täglichen Leben können deshalb gar häufig Fälle eintreten, in welchen nach
strenger gemeinrechtlicher Auffassung eine Laesio enormis zu erkennen wäre. Wollte
man aber dann immer einen zureichenden Schuh gewähren, so müßte man für jeden
Vertrag den Parteien einen Vormund beigeben, oder es müßte das Gericht übermäßig
in Anspruch genommen werden, ohne daß es möglich wäre, stets eine richtige Ent
scheidung zu treffen.
5. Die angebliche Bestimmung
der Preise durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage.
Von Friedrich Julius Neumann.
Neumann, Die Gestaltung des Preises. In: Handbuch der Politischen (Ökonomie. kjeraus-
gegeben von v. Schönberg. q. Aufl. l. Bd. Tübingen, H. kanxx, wtzS. S. 2Ktz—272.
Am zu erkennen, was wahr und falsch an der üblichen Annahme ist, daß An
gebot und Nachfrage „den Preis" bestimmen, daß die Preise, wie man sagt, sinken,
wenn das Angebot „größer" ist als die Nachfrage, dagegen steigen, wenn letztere das
Angebot „überwiegt", sei hier zunächst hervorgehoben, was unstrittig in diesen
Dingen ist.
Dahin gehört erstens, daß, wenn die Nachfrage nach einem Objekte steigt,
d. h. wenn dasselbe in größerer Menge als bisher oder von mehr Personen oder
eifriger, nachhaltiger, auf Grund größerer Zahlungsfähigkeit der Begehrenden rc.
zum entgeltlichen Erwerbe verlangt wird, dann bei vorherrschendem Eigennütze diejenigen,
welche solche Dinge im Landet abzugeben geneigt sind, mit ihren Preisforderungen
erfolgreich in die Löhe gehen können, und das umsomehr, je mehr unter den Nach
fragenden, wie infolge ihres Eigennutzes regelmäßig zu erwarten ist, ein Mitwerben
oder eine Konkurrenz, d. h. das wetteifernde Bestreben Platz greift, durch Be
willigung günsügerer Kaufbedingungen einander im Erwerbe zuvorzukommen. „So
steigt der Preis vieler schwarzer Artikel durch unerwartete allgemeine Landestrauer, es
steigt der Preis vieler Arzneien durch die Cholera, der Preis von Pulver, Pferden
beim Ausbruch eines Krieges, der Eisenpreis infolge des Baus vieler Eisenbahnen rc.
(Roscher).
Ebenso zweifellos ist aber auch, daß, wenn das Angebot eines Gegenstandes
steigt, d. h. wenn derselbe in größeren Mengen, von größerer Personenzahl oder eifriger,
nachhaltiger rc. als bisher zur entgeltlichen Annahme ausgeboten wird, unter übrigens
gleichen Amständen die Gewinnaussichten derjenigen wachsen, welche den Gegenstand
erwerben möchten, und auch das wieder umsomehr, je mehr bei dem anderen Teil,
hier den Anbietenden, infolge ihres Eigennutzes, ein Mitwerben, d. h. in diesem
Falle das wetteifernde Bestreben entsteht, durch Bewilligung günstigerer Verkaufs
bedingungen einander zuvorzukommen.
And endlich muß unter übrigens gleichen Amständen dasselbe, was in Fällen
ersterer Art durch das Steigen der Nachfrage bei sich gleichbleibenden Angebots
verhältnissen herbeigeführt wird, im allgemeinen auch durch ein Gleichbleiben der
Nachfrageverhältnisse bei sinkendem Angebot erreicht werden, und ebenso in Fällen
der zweiten Art durch ein Gleichbleiben der Angebotsverhältnisse bei sinkender Nach-