Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5.  Die  angebliche  Bestimmung  der  Preise  durch  Angebot  und  Nachfrage.  159

Angebot  und  Nachfrage"  geradezu  als  nichtssagend  zu  bezeichnen,  wenn  ihm  nicht
immerhin  ein  Verdienst  nachzusagen  wäre,  das  Verdienst  nämlich,  daß  es  in  einer
nun  einmal  üblich  gewordenen  Weise  auf  jene  den  Wandlungen  von  „Angebot"  und
„Nachfrage"  eigentümlichen  Preisgestaltungstendenzen  verweist  und  so  gewisse,  für
den  Preis  besonders  wichtige  Momente  in  kurzem  Ausdruck  wie  in  einem  Schlagwort ­
  zusammenfaßt.
Bei  alledem  ist  jenes  Wort  andererseits  aber  auch  gefährlich.  Denn  abgesehen
davon,  daß  es,  wie  schon  berührt  ist,  zu  dem  Wahne  leitet,  als  ob  jene  als  „Angebot"
und  „Nachfrage"  zusammengefaßten  Komplexe  von  Momenten  ihrer  Größe  nach  vergleichbar ­
  wären,  befördert  es  namentlich  die  Vorstellung,  daß  in  ihm  wirklich  die
Gesamtheit  der  auf  die  Preisgestaltung  influierenden  Momente  zusammengefaßt
wäre,  und  demnach  alle  Preise  des  freien  Verkehrs  nur  durch  das  Medium  von
Angebot  und  Nachfrage  (in  jenem  Sinn)  ihre  Gestalt  erhielten.  And  das  ist
zweifellos  irrig.
Es  bestimmen  den  Preis,  und  zwar  gerade  den  hier  in  Rede  stehenden  geschäftlichen ­
  Preis  daneben  auch  z.  B.  Klugheit,  Anssicht  und  Geschicklichkeit  der  am  Preiskampf ­
  Beteiligten,  ferner  die  überkommenen  Preisgestaltungen  und  daneben  noch
viele  andere  Momente,  wie  namentlich  manche  allein  in  den  Kosten  vor  sich  gehende,
Angebot  und  Nachfrage  gar  nicht  berührende  Änderungen.
Man  denke  z.  B.  an  den  Preis  von  etwa  in  gleichem  Anssang  wie  bisher
begehrten,  in  der  Regel  aber  nur  auf  Bestellung  gearbeiteten  Dienstanzügen  gewisser
Beamtenkategorien.  Steigen  die  Produktionskosten  dieser  Anzüge,  so  wird  der  Preis
regelmäßig  in  die  Löhe  gehen,  obwohl  sich  bezüglich  des  Angebots  und  der  Nachfrage
kaum  etwas  ändert.  Denn  begehrt  werden  solche  Anzüge  nach  Maßgabe  des  Aufrückens ­
  in  die  bezüglichen  dienstlichen  Stellungen.  And  dieses  Äufrücken  ist  von  jenen
Kostenänderungen  unabhängig.  Ängeboten  aber  werden  solche  Anzüge  regelmäßig
überhaupt  nicht,  sondern  nur  auf  Bestellung  gefertigt.
Daneben  werden  z.  B.  die  Vcrbandspreise,  wie  die  Beiträge  von  Vereinsmitgliedern ­
  an  ihren  Verein  oder  die  regelmäßigen  Zahlungen  von  Meliorations-,
Deich-  oder  Waldschutzgenossen  an  ihre  Verbands-  oder  Genossenschaftskasse  usw.  von
Angebot  und  Nachfrage  gar  nicht  berührt.
Statt  also  allgemein  zu  sagen:  „Der  Preis  werde  durch  das  Verhältnis  von
Angebot  und  Nachfrage  bestimmt,"  dürfen  wir  im  Grunde  nur  sagen,  daß  gewissen
Wandelungen  in  dem  Verhältnis  der  als  Angebot  und  Nachfrage  bezeichneten
Momente  die  Tendenz  eigen  ist,  gewisse  Wandelungen  auch  in  der  Preisgestaltung
herbeizuführen,  und  daß  z.  B.  Steigerungen  der  „Nachfrage"  und  Verringerungen  des
„Angebots"  die  Preise  zu  erhöhen,  entgegengesetzte  Wandelungen  sie  herabzudrücken,
tendieren.  In  dieser  Beschränkung  kann  jenes  Schlagwort  aus  den  erwähnten  Gründen
gute  Dienste  leisten,  darüber  hinaus  nicht.
Überhaupt  sind  die  „Preismomente"  gar  nicht  generell  zu  gliedern,  sondern  es
sind  von  vornherein  verschiedene  Kategorien  von  Preisen  zu  scheiden,  und  für  diese
die  Preismomcnte  zu  bestimmen.  So  sind  z.  B.  auseinander  zu  halten  einerseits
Spezial-  oder  Einzelpreise,  d.  h.  solche,  denen  gegenüber  es  auf  beiden  Seiten
an  Konkurrenz  gebricht,  daneben  Monopol-  oder  Vorzugspreise,  d.  h.  solche,
denen  gegenüber  ein  Mitwerben  auf  einer  Seite  gar  nicht  oder  nur  in  geringem
Maße  vorhanden  ist,  und  endlich  Konkurrenzpreise  i.  e.  S.,  d.  h.  solche,  bei  denen
auf  beiden  Seiten  wirksames  Mitwerben  stattfindet.  And  innerhalb  jeder  dieser
einzelnen  Kategorien  ist  nach  den  bezüglichen  Preisbestimmungsgründen  zu  forschen.
Scharfe,  feste  Grenzen  scheiden  freilich  auch  diese  Kategorien  nicht.  Im  Gegenteil,
fast  alle  „Konkurrenzpreise"  sind  in  gewissem  Sinne  Monopol-  oder  Vorzugspreise.
And  umgekehrt  sind  die  meisten  „Monopolpreise",  wie  z.  B.  jene,  an  die  wir  denken.
            
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