Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

246  Zweiter  Teil.  Landet.  XI.  Geldwesen  und  Kapitalismus.

Aber  der  Einfluß  dieser  Geldfürsten  beschränkte  sich  auf  den  Lande!  mit  teuren
fremden  Waren  und  auf  die  politisch-finanzielle  Lage  der  damaligen  westeuropäischen
Dynastien.  Die  Masse  der  Bevölkerung  blieb  im  ganzen  von  dieser  Kapitalanhäufung
unberührt,  weil  Produktion  und  Erwerb  sich  in  dem  alten  primitiven  Geleise  fortbewegten, ­
  weder  eine  Befruchtung  noch  eine  Erschütterung  von  den  damaligen  Kapitalmächten ­
  empfingen.
Wenn  seit  dem  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  das  Kapital  so  unendlich  tief  in
unsere  ganze  Volkswirtschaft  eingreift,  so  beruht  dies  darauf,  daß  sich  sein  Einfluß
nicht,  wie  ehedem,  nur  aus  einzelne  Sphären  beschränkt,  sondern  daß  es  die  beherrschende
Macht  über  die  meisten  Gebiete  von  Produktion  und  Erwerb  geworden  ist.
Ist  diese  Macht  des  Kapitals  als  Glück  oder  als  Anglück  zu  bettachten?
Weite  Kreise  der  Bevölkerung  neigen  heute  zu  letzteren»  Arteil.  Da  ist  es  wohl
angebracht,  darauf  zu  verweisen,  wie  Großes  die  moderne  Volkswirtschaft  dem  Kapitalismus ­
  zu  danken  hat.
Auf  ihn  ist  doch  zurückzuführen  die  ungeheure  Expansion  der  Produttion,  die  heute
Milliarden  zählt,  wo  sie  früher  nur  Lunderte  von  Millionen  umfaßte,  die  heute  trotz
aller  Maschinen  Arbeitsgelegenheit  schafft,  wie  sie  der  Vergangenheit  fremd  war.
Das  Kapital  ist  der  Pionier,  nicht  der  Kultur,  aber  der  wirtschaftlichen  Entfaltung,
auf  der  neben  der  Wehrttaft  die  Macht  der  großen  Naüonen  ruht.  Dabei  ist  das
Kapital  in  seiner  Funktion  als  Förderer  des  Erwerbs  nicht,  wie  früher,  auf  enge
Kreise  beschräntt;  eine  Kreditorganisation,  die  zwar  nicht  lückenlos,  aber  doch  außerordentlich ­
  verfeinert  ist,  sorgt  dafür,  daß  es  den  Zwecken  aller  Personen,  die  Vertrauen
verdienen,  dienstbar  gemacht  ist.
Die  Menschheit  ist  durch  den  Kapitalismus  förmlich  umgebildet  worden.  And
es  handelt  sich  hier  durchaus  nicht  bloß  um  Verschlechterungen,  auf  die  ich  sogleich
komme.  Die  Anspannung  der  Leistungsfähigkeit  des  einzelnen,  die  dem  modernen
Wirtschaftsleben  statt  ehemaliger  behaglicher  Faulheit  den  Stempel  fieberhafter  Tätigkeit
aufgeprägt  hat,  ist  dittiert  durch  den  Zwang,  im  Konkurrenzkampf  fremdes  oder
eigenes  Kapital  so  gut  wie  möglich  auszunützen.  Pessimisten  nennen  das  Kapital  in
dieser  Funttion  eine  „Peitsche",  andere  werden  in  ihm  eines  der  mächtigsten  Erziehungsmittel ­
  der  heutigen  Menschheit  erblicken.
Der  ganze  außerordentliche  Fortschritt  in  unserem  materiellen  Dasein,  an  dem
alle  Klassen  der  Bevölkerung,  wenn  schon  ungleich,  teilnehmen,  führt  auf  die  Zunahme
des  Kapitals  zurück.  In  welchen»  Maß  ist  dadurch  die  Steuerttaft  der  ganzen
Bevölkerung  gestiegen,  und  wie  haben  Staat  und  Geineinde  sich  diese  Zunahme  zu
nutze  machen  können!
Schon  aus  diesen  Andeutungen  erhellt,  daß  »vir  das  Privackapital  in  Produttion
und  Enverb  nie  entbehren  könnten,  wollten  wir  nicht  alles  Erreichte  in  Frage  stellen.
Aber  auf  der  anderen  Seite  lassen  Sie  uns  doch  nicht  verkennen,  daß  die  Macht
des  Kapitals  große  Gefahren  über  unser  wirtschaftliches  und  soziales  Leben  gebracht  hat.
Auf  die  große  Steigerung  der  egoistischen  Triebe  iin  Menschen,  auf  den  öden
Mammonismus  und  Materialismus,  der  so  weite  Kreise  unserer  Zeit  beherrscht,  will
ich  nur  nebenher  Ihre  Aufinerksamkeit  richten.  Das  sind  bedauerliche  Erscheinungen,
die  außer  den  Philosophen  und  Moralisten  zwar  auch  den  Nationalökonoinen,  aber
diesen  doch  nicht  in  erster  Linie  interessieren.
Neben  jener  allgemeinen  Steigerung  des  Wohlstands,  von  der  ich  eben  sprach,
steht  ein  außerordentlicher  Gegensatz  in  den  Besitzverhältnissen.  Man  »nuß,  um  zu
ähnlichen  Differenzen  des  Vermögensbesihes  zu  gelangen,  bis  auf  die  Zeit  der  Fugger
zurückgehen.  Aber  wie  ich  schon  vorhin  sagte,  großer  Besitz  bedeutet  heute  ganz  etwas
anderes  als  vor  300—400  Jahren,  da  seinem  Einfluß  heute  außer  der  öffentlichen
Verwaltung  kauin  ein  Gebiet  entzogen  ist.  And  diese  Zugänglichkeit  aller  Gebiete  ver ­
            
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