7. Die chemische Industrie.
327
erreichte. Man hat sic als die chemische Großindustrie bezeichnet, obgleich sie heute
kein Recht mehr besitzt, diesen Namen für sich allein in Anspruch zu nehmen. Jeden
falls aber ist sie die erste der Ehemikalienindustrien, nur unter ihrer Mitwirkung konnten
alle anderen geschaffen werden.
Eine zweite Epoche für die Weiterentwickelung der chemischen Industrie brach
in den vierziger Jahren mit dem Auskommen der Soda- und Farbenindustrie an;
Soda wie Indigo, die schon dem grauen Altertum bekannten Produkte, bezeichnen den
Grund- und den Schlußstein dieser großartigen Entwickelung. Nun reihte sich in den
schöpferischen Arbeiten auch Deutschland ebenbürtig an England und Frankreich an.
Es begann sich die fabrikmäßige Sodagewinnung nach dem Leblancschen Verfahren,
ferner, wenn auch anfangs nur zaghaft, die Stärke- und Dextrin-, sowie die Zünd
hölzchenfabrikation und die Verstellung des Wassergases auszubreiten, das für die
Gewinnung von Ammoniak und Teer samt seinen wichtigen Derivaten, wie Benzol,
Azo- und Anilinfarben, so einflußreich geworden ist. —
Die Farbenindustrie wurde in der zweiten Äälfte des 19. Jahrhunderts in
Frankreich geschaffen. Sie wurde zuerst in England zwar mit Begeisterung auf
genommen, konnte aber dort nur zu bescheidener Blüte gelangen; für ihre endgültige
Ausgestaltung fand sie in Deutschland den am besten vorbereiteten Boden vor.
Die deutsche Industrie trat nun in Konkurrenz mit der englischen. Anfangs
hatte sie schwer zu kämpfen, mußte doch z. B. die Teerfarbenfabrikation das Benzol
bis vor zwei Jahrzehnten fast noch ganz von jenseits des Kanals beziehen.
Aber unsere Industrie fand an der wissenschaftlichen Forschung, die stetig neue
Stoffe tind Darstellungsmethoden entdeckte oder erfand, einen kräftigen Rückhalt. In
der Ersetzung natürlicher Produkte durch künstliche, z. B. der natürlichen Farbstoffe,
wie Krapp, Cochenille, Indigo, Blauholz, durch das künstliche Alizarin (1868 Grübe,
Liebermann), das Anilin, Indigotin (1880 Bayer), drängte eine Erfindung die andere. —
In diese Epoche fällt endlich auch das Aufkommen der Fabrikation des Kunst
düngers und des Kunstgraphits (als Ersatz für den bisher aus Ceylon bezogenen).
Auf dem bisherigen Wege des planlosen Experimentierens hatte man nur einzelne
zusammenhanglose wertvolle Ergebnisse, sei cs auf Grund zufälliger Beobachtungen
oder durch unendliche Geduld, zu Tage gefördert; auch blieb dann ein solches als ängstlich
gehütetes Geheimnis im Besitz einiger weniger Familien. Nun begann, unter der
Anleitung von Liebig, Wöhler, Bunsen, Lofmann u. a., die systematische, streng
logische Erforschung der Ausnützung eines jeden Stoffes, insbesondere der Rückstände.
Bald erlangte man darin eine des Erfolges sichere Gewandtheit; jeder Erfolg wurde
sofort Gemeingut und zur Grundlage eines neuen schöneren. An den großartigen
Laboratorien der Hochschulen und Großfabriken, in denen Tausende von Chemikern
auf dem Wege des systematischen Forschens und Indiehandarbeitens der Lösung der
Probleme obliegen, begann eine gleichsam fabrikmäßige „Werkfortsetzung", die rasch
staunenswerte Erfolge zeitigte.
Naturgemäß fehlte es auch nicht an unternehmungslustigen Männern, welche
die Forschungsergebnisse durch Erstellung großer Fabrikslaboratorien in die Massen
fabrikation überleiteten und nicht allein, wie die bescheidenen Anfänge, dem Bedarf der
benachbarten Apotheken und Materialwarenhandlungen entgegenkamen, sondern die
Deckung des Massenbedarfs der ganzen Welt übernehmen konnten. Die neuesten
elektrochemischen und synthetischen Lösungen, wie die elektrolytische Gewinnung von
Gold, Kupfer, Zink, die synthetische Darstellung der Parfümerien, die Verstellung des
Saccharins und der konzentrierten Nährstoffe, die fabrikmäßige Gewinnung von Bakterien
giften, — all das sind, wie O. N. Witt mit Recht hervorhebt, Aufgaben, die nur
eine Industrie ergreifen und lösen konnte, welche zu voller Größe und Sicherheit aus
gereist war.