Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7. Die chemische Industrie. 
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erreichte. Man hat sic als die chemische Großindustrie bezeichnet, obgleich sie heute 
kein Recht mehr besitzt, diesen Namen für sich allein in Anspruch zu nehmen. Jeden 
falls aber ist sie die erste der Ehemikalienindustrien, nur unter ihrer Mitwirkung konnten 
alle anderen geschaffen werden. 
Eine zweite Epoche für die Weiterentwickelung der chemischen Industrie brach 
in den vierziger Jahren mit dem Auskommen der Soda- und Farbenindustrie an; 
Soda wie Indigo, die schon dem grauen Altertum bekannten Produkte, bezeichnen den 
Grund- und den Schlußstein dieser großartigen Entwickelung. Nun reihte sich in den 
schöpferischen Arbeiten auch Deutschland ebenbürtig an England und Frankreich an. 
Es begann sich die fabrikmäßige Sodagewinnung nach dem Leblancschen Verfahren, 
ferner, wenn auch anfangs nur zaghaft, die Stärke- und Dextrin-, sowie die Zünd 
hölzchenfabrikation und die Verstellung des Wassergases auszubreiten, das für die 
Gewinnung von Ammoniak und Teer samt seinen wichtigen Derivaten, wie Benzol, 
Azo- und Anilinfarben, so einflußreich geworden ist. — 
Die Farbenindustrie wurde in der zweiten Äälfte des 19. Jahrhunderts in 
Frankreich geschaffen. Sie wurde zuerst in England zwar mit Begeisterung auf 
genommen, konnte aber dort nur zu bescheidener Blüte gelangen; für ihre endgültige 
Ausgestaltung fand sie in Deutschland den am besten vorbereiteten Boden vor. 
Die deutsche Industrie trat nun in Konkurrenz mit der englischen. Anfangs 
hatte sie schwer zu kämpfen, mußte doch z. B. die Teerfarbenfabrikation das Benzol 
bis vor zwei Jahrzehnten fast noch ganz von jenseits des Kanals beziehen. 
Aber unsere Industrie fand an der wissenschaftlichen Forschung, die stetig neue 
Stoffe tind Darstellungsmethoden entdeckte oder erfand, einen kräftigen Rückhalt. In 
der Ersetzung natürlicher Produkte durch künstliche, z. B. der natürlichen Farbstoffe, 
wie Krapp, Cochenille, Indigo, Blauholz, durch das künstliche Alizarin (1868 Grübe, 
Liebermann), das Anilin, Indigotin (1880 Bayer), drängte eine Erfindung die andere. — 
In diese Epoche fällt endlich auch das Aufkommen der Fabrikation des Kunst 
düngers und des Kunstgraphits (als Ersatz für den bisher aus Ceylon bezogenen). 
Auf dem bisherigen Wege des planlosen Experimentierens hatte man nur einzelne 
zusammenhanglose wertvolle Ergebnisse, sei cs auf Grund zufälliger Beobachtungen 
oder durch unendliche Geduld, zu Tage gefördert; auch blieb dann ein solches als ängstlich 
gehütetes Geheimnis im Besitz einiger weniger Familien. Nun begann, unter der 
Anleitung von Liebig, Wöhler, Bunsen, Lofmann u. a., die systematische, streng 
logische Erforschung der Ausnützung eines jeden Stoffes, insbesondere der Rückstände. 
Bald erlangte man darin eine des Erfolges sichere Gewandtheit; jeder Erfolg wurde 
sofort Gemeingut und zur Grundlage eines neuen schöneren. An den großartigen 
Laboratorien der Hochschulen und Großfabriken, in denen Tausende von Chemikern 
auf dem Wege des systematischen Forschens und Indiehandarbeitens der Lösung der 
Probleme obliegen, begann eine gleichsam fabrikmäßige „Werkfortsetzung", die rasch 
staunenswerte Erfolge zeitigte. 
Naturgemäß fehlte es auch nicht an unternehmungslustigen Männern, welche 
die Forschungsergebnisse durch Erstellung großer Fabrikslaboratorien in die Massen 
fabrikation überleiteten und nicht allein, wie die bescheidenen Anfänge, dem Bedarf der 
benachbarten Apotheken und Materialwarenhandlungen entgegenkamen, sondern die 
Deckung des Massenbedarfs der ganzen Welt übernehmen konnten. Die neuesten 
elektrochemischen und synthetischen Lösungen, wie die elektrolytische Gewinnung von 
Gold, Kupfer, Zink, die synthetische Darstellung der Parfümerien, die Verstellung des 
Saccharins und der konzentrierten Nährstoffe, die fabrikmäßige Gewinnung von Bakterien 
giften, — all das sind, wie O. N. Witt mit Recht hervorhebt, Aufgaben, die nur 
eine Industrie ergreifen und lösen konnte, welche zu voller Größe und Sicherheit aus 
gereist war.
	        
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