Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

370  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  III.  Sonstige  Kernsragen.
mächtiger  sie  wurden,  desto  mehr  zeitweise  des  Abschlusses  in  sich,  der  schroffen  Laltung
auch  in  handelspolitischer  Beziehung  nach  außen  bedurften.  Jedenfalls  zeigt  uns  das
freihändlerische  Volk  der  Briten  noch  heute  ein  solches  Äbermaß  des  eifersüchtigen,
nationalwirtschastlichen  Egoismus,  daß  wir  Deutsche  wie  weltbürgerlich  unpraktische
Schwärmer  danebenstehen.
Der  sichere,  der  wahre  Fortschritt  war  jederzeit  da,  wo  man  es  verstand,  im
rechten  Moment  und  an  der  rechten  Stelle  freihändlerisch  und  dann  wieder  schutzzöllnerisch
  zu  sein,  wo  man  möglichst  wenig  diese  gleich  naturnotwcndigen  Sttebungen
zu  einem  alles  beherrschenden,  unerbittlichen  System  aufbauschte,  wo  man  sich  bewußt
blieb,  daß  der  Fortschritt  im  Kandel  und  in  der  internationalen  Teilung  der  Arbeit
ebenso  notwendig  sei  als  der  nationale  Zusammenschluß  der  Volkswirtschaft,  die  nattonale
Teilung  der  Arbeit  und  der  nationale  Egoismus,  die  geschickte  Benutzung  jedes
berechtigten  Mittels  im  großen  Kampfe  der  wirtschaftlichen  Interessen  der  Völker.
Daher  sehen  wir  bei  den  Engländern,  den  Franzosen,  den  Nordamerikanern,  vor
allem  aber  im  Zollverein  selbst,  den  zeitweisen  Wechsel  der  Zollsysteme  jedesmal  von
den  Doktrinären  und  der  entgegengesetzten  Interessengruppe  aufs  tiefste  beklagt,  in
Wahrheit  aber  —  wo  der  Wechsel  ini  rechten  Moment  und  im  rechten  Maß  eintrat
—  segensvoll  wirkend.
Gewiß  kann  der  Wechsel  zu  oft  und  zu  schroff  erfolgen,  wie  uns  das  die  nordamerikanische
  Tarifgeschichte  zeigt.  Aber  beweist  die  Tatsache,  daß  heute  in  so  vielen
europäischen  Staaten  sich  liberale  und  konservative  Ministerien  zu  oft  und  zu  schroff
ablösen,  etwas  gegen  den  Satz,  daß  ein  solcher  Wechsel  für  die  Regierung  eines  freien
Volkes  heilsam  und  notwendig  sei?  Sehen  wir  nicht  auf  allen  sozialen  und  polittschen
Gebieten  einen  ähnlichen  Wechsel  der  herrschenden  Strömungen,  auf  dem  kirchlichen  und
militärischen  Gebiet,  auf  dem  Gebiet  der  Schule,  der  Selbstverwaltung,  des  Beamtcnwesens,
  und  ist  all  das  nicht  die  notwendige  Folge  davon,  daß  überall  gleichberechtigte
Interessen,  entgegengesetzte  und  doch  notwendig  zusammengehörige  Pole  derselben  Achse
nacheinander  die  Führung  übernehmen  müssen,  daß  nur  aus  der  geistigen  Reibung
zwei  sich  bekämpfender,  abwechslungsweise  die  öffentliche  Meinung  für  sich  gewinnender
Ideenkreise  die  richtige  Lenkung  des  Staatsschiffes  oder  des  volkswirtschaftlichen  Schiffes
durch  ganz  verschiedene  Zeiten  und  Sachlagen  hindurch  hervorgehen  kann?  Liegt  dieser
Wechsel  nicht  im  innersten  psychologischen  Wesen  des  menschlichen  Denkens  und  Fühlens,
und  beweist  es  nicht  eine  nahezu  kindliche,  jeder  Geschäftskenntnis  bare  Naivität,  bei
irgend  einem  liberalen  oder  konservativen,  freihändlerischcn  oder  schuhzöllnerischen  Sieg
sich  einzubilden,  jetzt  sei  die  letzte  Entscheidung  nach  dieser  Seite  hin  gefallen,  niemals
mehr  werde  eine  Llmkehr  erfolgen,  keine  künftige  Regierung  oder  Volksvertretung  werde
oder  dürfe  von  dieser  Linie  mehr  abweichen?
Warum  aber  ist  ein  solcher  Wechsel  speziell  auf  dem  Gebiete  der  Kandelspolitik
nötig,  warum  hat  er  sich  überall  mit  gleicher  Konsequenz  wiederholt,  bei  den  Völkern
mit  im  ganzen  sttengerem,  wie  bei  denen  mit  liberalem  Tarif?  Die  Antwort  ist  einfach: ­
  die  Volkswirtschaft  unserer  heutigen  Kulturstaaten  arbeitet  für  zwei  Märkte,  für
den  innern  und  den  äußern;  sie  ruht  auf  zwei  Systemen  der  Arbeitsteilung,  dem
System  der  nationalen  Arbeitsteilung  und  dem  der  internationalen;  sie  hat  zwei  Aufgaben: ­
  für  die  Gegenwart  im  Moment  möglichst  billig  und  gut  das  Volk  mit  den
Waren  zu  versorgen,  die  es  braucht,  und  daneben  für  die  Zukunft  die  volkswirtschaftliche ­
  Organisation  möglichst  vollendet  und  harmonisch  einzurichten,  produttive  Kräfte
zu  erziehen,  die  technischen  und  sonstigen  Eigenschaften  der  Unternehmer  und  Arbeiter
auf  ein  höheres  Niveau  zu  erheben,  wenn  auch  dadurch  zeitweise  einzelne  Produkte  verteuert ­
  werden.
Diese  Ziele  lassen  sich  nicht  jederzeit  zusammen  erreichen;  man  muß  zeitweise
mehr  auf  das  eine  verzichten,  wenn  man  auf  das  andere  den  größeren  Wert  legt;
            
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