2. Die Entstehung des Zollvereins.
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auch würde die noch junge Industrie Württembergs zu schwer durch Verbrauchsteuern
belastet und der übermächtigen Konkurrenz der preußischen Rheinprovinz preisgegeben.
Als nun die Frage zu lösen war, ob und in welcher Weise Süddeutschland
mit dem nördlichen Deutschland zu einem gemeinsamen, für alle Länder gleichen Zoll
system sich vereinigen könnte, traten die in den Lebens- und Verkehrsverhältnissen der
beiden Länderkomplexe gelegenen Schwierigkeiten hervor und äußerten sich besonders
nach zwei Seiten hin.
Einmal waren die Objekte der Besteuerung und der Steuerfuß ein anderer.
Preußen besteuerte den Wein; Süddeutschland besteuerte den inländischen Wein gar
nicht oder geringer, verzollte dagegen den ausländischen sehr hoch. Dagegen war hier
das Bier stärker besteuert als dort. Man mußte hier ein Ausgleichungsmittcl finden.
Zum zweiten hatten die drei süddeutschen Staaten bis dahin im ganzen einen niedrigeren
Tarif für ausländische Industriewaren gehabt als Preußen in seinem Zollgesetz von
1818?) Das ist erklärlich aus den eben angeführten Verschiedenheiten der beiden
Ländergruppen in wirtschaftlicher Beziehung, aus der Tatsache, daß die süddeutschen
Staaten, was die Lebensmittel betraf, wenig vom Ausland brauchten, daß sie die
Fabrikwaren dagegen, mangels großer eigener Unternehmungen, gerne billig vom Ausland,
vor allem aus dem Elsaß und der Schweiz bezogen; nur die Weberei, vor allem die
künstlich entwickelte Württembergische Baumwollweberei bedurfte des Schutzes. Preußen
dagegen hatte einen großen steuerfähigen Kandel, eine starke Einfuhr aus England
und Holland und hatte andererseits eine ausgedehnte heimische Industrie zu schützen.
So wurden bei den einleitenden Verhandlungen von den Vertreter der süddeutschen
Regierungen mehrfache Anträge auf Ermäßigung der Zollsätze für Waren, die aus
der Schweiz re. eingingen, beantragt; Bayern wünschte im Interesse seiner Brauereien
das Rohkupfer zur Fertigung der Braupfannen wohlfeiler eingelassen; besonders aber
verlangten Bayern, Sachsen und Württemberg eine Erniedrigung des Twistzolles von
2 Tlrn., da in ihren Ländern die Gründe, auf denen die höhere Besteuerung dieses
wichtigen Fabrikmaterials in Preußen beruhte, nicht obwalteten. Da Preußen aber
auf diesen Zoll durchaus nicht verzichten zu können glaubte, so gaben die übrigen
Staaten nach und nahmen dann überhaupt schließlich den erprobten preußischen Zoll
tarif mit einigen Tarifherabsetzungen für Woll- und Baumwollwaren, Südfrüchte,
Gewürze, Schwefel, Kupfer und Blei vertrauensvoll an.
Zu diesen materiellen Bedenken kamen noch politische Schwierigkeiten mancher
Art. In Württemberg wie in Bayern und Sachsen war die Stimmung über den
abzuschließenden allgemeinen Zollverein sehr geteilt und aufgeregt. In zahllosen Adressen,
Zeit- und Flugschriften stritt man lebhaft über die Zweckmäßigkeit der Zollvereine
überhaupt, über die Interessen der einzelnen Länder und Stände, über die Bedingungen
und wahrscheinlichen Wirkungen einer Zolleinigung. Der Gedanke an Österreich, die
damit zusammenhängende Abneigung gegen Preußen war in Süddcutschland vielfach
verbreitet. An der Spitze der Opposition standen die Liberalen Württembergs und
Badens. Beck bemerkt sehr treffend: „Es ist nicht immer die dynastische Politik
deutscher Regierungen allein, es sind leider nicht selten die idiosynkratisch gewordenen
•_) Schmoller, Das preußische Handels- und Jollgesctz von 26. Mai ;8;8. Rede. Berlin,
Druck von W. Büxenstein, ;8J8. 5. H7: „Das Zollgesetz vo» ;8(8 gehört wie die Städteordnung
von ;808, das bäuerliche Regulierungsedikt von das Wehrgesetz von wl-y die Landwehr-
ordnung von ;8tS zu den gesetzgeberische» Höhepunkten und Großtaten jener Zeit, durch die der
Preußische Staat seinen alten Ruhm rationellen Fortschrittes, kühner, entschlossener Neuerung im
Sinne progressiver Ideale der Zeit aufs neue befestigte. Die Reformgesetzgebung jener Jahre
vollendete den alten Beamtenstaat, aber sie führte ihn zugleich darüber hinaus auf den Boden
der Rechtsgleichheit, der persönlichen Freiheit, der liberal-humanen Idee» der Zeit." — G. M.