Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

382  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

Eifersüchteleien  und  Vorurteile  der  deutschen  Volksstämme,  welche  das  Werk  jeder
Einigung  in  Deutschland  erschweren.  Der  vorgeschrittene  Liberalismus  des  schwäbischen
Stammes,  wie  er  in  der  Opposition  der  beiden  Kammern  zu  Stuttgart  und  Karlsruhe
seinen  Ausdruck  fand,  blickte  mit  tiefem  Mißtrauen  auf  das  absolutistische  preußische
Regiment  und  auf  alles,  was  von  diesem  ausging.  Daher  die  wunderliche  Ironie  des
Geschicks,  daß  die  liberale  Partei  in  Süddeutschland,  deren  Programm  die  nationale
Einheit  obenan  schrieb,  jetzt,  da  dieser  wenigstens  auf  dem  Gebiete  der  materiellen
Interessen,  wo  das  Bedürfnis  der  Einigung  am  lautesten  und  allgemeinsten  gefühlt
wurde,  entsprochen  werden  sollte,  am  meisten  geneigt  war,  dagegen  Opposition  zu
erheben."
Die  Furcht  vor  der  absolutistischen  Politik,  welcher  Rotteck  in  Baden  vielfach
Ausdruck  verlieh,  war  es,  der  zuliebe  der  süddeutsche  Liberalismus  damals  seinen
Prinzipien  untreu  wurde.
Nicht  anders  war  es  in  Sachsen.  Lier  war  die  öffentliche  Meinung  vollständig
im  unklaren  über  btCj  Wirkungen  der  Zolleinigung  und  Verkehrsfreiheit  unter  den
deutschen  Staaten.  Obwohl  Sachsen,  selber  ohne  Zollsystem,  rings  von  fremden  Zolllinien
  umschlossen  war,  obwohl  es  wegen  seiner  hochentwickelten  Industrie,  wegen  seiner
ausgedehnten  Leipziger  Handelsbeziehungen  das  größte  Interesse  an  dem  freien  Verkehr
mit  den  Nachbarstaaten  und  die  geringste  Befürchtung  vor  demselben  haben  sollte,  so
sprach  und  schrieb  man  doch  allenthalben  von  einer  Beeinträchtigung,  ja  von  einem
Landesverrat,  von  einem  Verfall  Leipzigs  wie  der  sächsischen  Industrie.  Ähnlich  lag
es  in  Nassau,  ähnlich  in  Frankfurt,  wo  die  Sorge  für  den  ausgedehnten  Zwischenhandel, ­
  der  alte  Stolz  der  Reichsstadt  und  Sympathien  für  Österreich  zusammen  wirkten,
um  eine  besondere  Äbneigung  gegen  den  Gedanken  des  Zollvereins,  vor  allem  gegen
dessen  preußische  Führerschaft  zu  begründen.
Trotz  dieser  und  noch  mancher  anderer  Bedenken,  welche  die  Entstehung  des
großen  Zollvereins  erschwerten,  überwanden  die  aufgeklärten  Staatsregierungen,  das
Wohl  und  Interesse  ihrer  Völker  mit  Klarheit  erkennend  und  den  großen  Vorteil  eines
großen  Deutschen  Zollvereins  einsehend,  alle  Schwierigkeiten.  Man  einigte  sich  auch
über  Ausgleichungs-  und  Äbergangsabgaben,  wenn  in  den  verschiedenen  Staaten  höher
oder  niedriger  besteuerte  inländische  Produkte,  wie  Wein,  Bier,  Tabak,  Branntwein,
aus  einem  Gebiete  des  Zollvereins  im  inneren  Verkehr  in  ein  anderes  geführt  wurden.
Das  Preußische  Gesetz  vom  26.  Mai  1818  mit  den  Zusätzen  von  1821  diente  als
Grundlage  des  Zollsystems,  und  seine  Prinzipien  wurden,  wie  erwähnt,  allgemein
angenommen.
So  bildete  sich  denn  durch  die  verschiedenen  oben  benannten  Verträge  ein
großes  deutsches  Zollvereinsgebiet,  auf  dem  Lande!  und  Verkehr  sich  im  wesentlichen
frei  bewegen  konnten.  Eine  Zollgrenze  umgab  diesen  Länderkomplex,  alle  steuerpflichttgen
  eingehenden,  wie  ausgehenden  Waren  wurden  an  den  Grenzen  und,  mit
Ausnahme  der  wenigen,  einer  Llbergangsabgabe  unterworfenen  Gegenstände,  nur  an
diesen  verzollt.
Die  Industriellen  selbst  begrüßten  den  Beginn  des  allgemeinen  Zollvereins  mit
Genugtuung.  „Die  älteren  Zeitgenossen",  sagt  G.  Fischer,  „werden  sich  aus  den
Zeitungen  noch  der  Schilderungen  erinnern,  wie  freudig  die  erste  Stunde  des  Jahres
1834  von  der  Verkehrswelt  begrüßt  wurde.  Lange  Wagenzüge  standen  auf  den
Lauptstraßen,  die  bisher  durch  Zolllinien  zerschnitten  waren.  Als  die  Mitternachtsstunde
  schlug,  öffneten  sich  die  Schlagbäume,  und  unter  lautem  Jubel  eilten  die  Wagenzüge ­
  über  die  Grenze,  die  sie  fortan  mit  voller  Freiheit  überschreiten  konnten.  Alle
waren  von  dem  Gefühle  durchdrungen,  daß  Großes  errungen  sei."
Alle  Staaten  hatten  hier  in  wahrhaft  liberaler  und  uneigennütziger  Weise
zusannnengewirkt.  Latten  Bayern  und  Württemberg  die  schwierige,  in  der  Geschichte
            
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