Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

380  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

vertrag  unter  sämtlichen  beteiligten  Regierungen  zum  Abschluß;  nach  erholter  Zustimmung
der  bayerischen  und  Württembergischen  Stände  wurde  sein  Beginn  auf  den  1.  Januar  1834
festgesetzt.
Nun  gab  es  auch  für  Sachsen  wie  für  die  thüringischen  Staaten  Beweggründe
genug,  um  sich  dem  sie  auf  allen  Seiten  umgebenden  Zollgebiet  anzuschließen.  Ihr
Beitritt  erfolgte,  für  das  erstere  am  30.  März  1833,  für  die  zweiten  am  I  I.  Mai  1833.
Alle  diese  Beitrittserklärungen  kamen  ebenfalls  am  1.  Januar  1834  zur  Ausführung.
Nun  fehlte  aber  von  jenen  Staaten,  welche  noch  außerhalb  des  Zollvereines
standen,  noch  Baden,  dessen  Beitritt  dem  Zollverein  um  so  erwünschter  sein  mußte,
als  dadurch  sein  Gebiet  eine  passende,  leicht  kontrollierbare  Grenze  nach  Westen  erhielt,
während  bisher  auf  der  langen,  schwer  zu  bewachenden  Grenze  gegen  Baden  ein  sehr
ausgedehnter  Schleichhandel  betrieben  wurde.  Schließlich  wurden  auch  hier  die
Schwierigkeiten  beseitigt;  der  Vertragsabschluß  erfolgte  am  12.  Mai  1835,  mit
Wirksamkeit  vom  l.  Januar  1836.  Am  10.  Dezember  1835  trat  Nassau,  am
2.  Januar  1836  Frankfurt  bei.
Aber  diese  endgültige  Vereinigung  geschah  nicht  ohne  große  Schwierigkeiten  und
Selbstverleugnung  von  seiten  der  einzelnen  Regierungen.
Preußen  hatte  Bedenken,  das  Königreich  Sachsen  in  den  Zollverband  aufzunehmen, ­
  weil  die  nun  freier  gestellte  Leipziger  Messe  zunächst  der  Messe  in  Naumburg
Abbruch  tun  mußte,  insbesondere  aber  das  so  fabrikenreiche  Land  für  die  Baumwollenwarenfabrikanten ­
  in  Berlin  und  andereil  Orten  der  Mark  und  Schlesiens  eine  gefahrdrohende ­
  Konkurrenz  eröffnete.
Insbesondere  aber  herrschten  in  den  süddeutschen  Staaten  Bayern,  Württemberg
und  Baden  Verkehrs-,  Lebens-  und  Wirtschaftsverhältnisse,  die  von  jenen  Norddeutschlands ­
  vielfach  abwichen.  Dort  im  großen  und  ganzen  in  jener  Zeit  noch
vorwiegend  Ackerbau,  gegründet  auf  fruchtbare,  mit  reichen  Gaben  der  Natur  gesegnete
Gebiete,  hier  vielfach  vorherrschend  die  gewerbliche  Industrie;  dort  eine  gewisse  Selbstgenügsamkeit, ­
  ein  Zehren  und  Leben  von  den  Erträgnissen  des  eigenen  Bodens,  hier
vielfach  Zufuhr  von  außen  und  deshalb  ausgedehnterer  Pandel.
Zwar  fehlte  es  auch  in  den  süddeutschen  Ländern  nicht  an  gewerblicher  Tätigkeit.
Allein  selbst  reich  entwickelte  Gewerbe  hatten  zumeist  eine  andere  Organisation  als  in
Mittel-  und  Norddeutschland.  In  Süddeutschland  war  noch  nirgends,  wie  in  Norddeutschland, ­
  volle  Gewerbefreiheit  eingeführt;  es  gab  hier  selbst  in  Baden,  das  noch
die  bedeutendsten  Fabrikunternehmungen  aufzuweisen  hatte,  keinen  Landstrich,  in  dem
die  Fabrikation  alle  Verhältnisse  beherrschte,  wie  sie  im  Norden  Deutschlands,  im
sächsischen  Erzgebirge,  in  der  preußischen  Rheinprovinz,  in  der  Gegend  um  Düsseldorf
und  Aachen,  in  der  Mark,  in  Westfalen  schon  seit  langem  bestanden.  Selbst  die  viele
Personen  beschäftigenden  Industrien  Süddeutschlands,  wie  die  Töpfereien  in  Bayern,
die  Polzarbeiten  im  Schwarzwald,  hatten  alle  nicht  den  Charakter  eigentlicher  Fabrikunternehmungen. ­
  Die  Weberei  beschäftigte  zwar  in  Bayern,  in  Württemberg  und
Baden  einen  großen  Teil  der  ländlichen  Bevölkerung,  es  wurde  wohl  Leinwand
exportiert;  allein  die  bei  weitem  überwiegende  Quantität  derselben  diente  dem  inländischen
Verbrauch;  der  Landmann  bettieb  die  Leineweberei  als  Nebenbeschäftigung.  Den
Twist  bezog  man  so  wohlfeil  als  möglich  aus  dem  Auslande;  ebenso  die  Baumwollwaren.
  Für  Süddeutschland  waren  Italien,  die  Schweiz,  Frankreich  wichtige  Absatzgebiete, ­
  besonders  für  ihre  Agrarprodukte;  für  Norddeutschland  lag  der  Schwerpunkt
des  Exportes  in  Polland  und  England.  Insbesondere  erkannten  die  Redner  der
Opposition  in  Württemberg  zwar  die  Verkehrsfreiheit  unter  den  deutschen  Staaten  als
wünschenswert  an,  jedoch  nur,  soweit  als  die  materiellen  Interessen  Württembergs  nicht
darunter  litten.  Der  Attivhandel  des  Landes,  sagte  man,  sei  auf  Frankreich  und  die
Schweiz  angewiesen  und  könne  durch  den  Anschluß  an  Preußen  nicht  viel  gewinnen;
            
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