Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

384  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  .Handelspolitik.
Der  Zollverein  hat  die  oberdeutschen  Staaten  nicht  verhindert,  die  Waffen  zu  ergreifen
gegen  Preußen.  And  dennoch  sollte  gerade  das  Jahr  1866  die  gewaltige  Lebenskraft
dieses  handelspolitischen  Bundes  erproben.  Der  rasche  Siegeszug  der  preußischen
Fahnen  überhob  unseren  Staat  der  Mühe,  seine  wuchtigste  Waffe  zu  schwingen,  durch
die  Aufhebung  der  Zollgemeinschast  die  oberdeutschen  Löse  zu  bekehren.  Auch  beim
Friedensschlüsse  hielt  Preußen,  den  Rat  erbitterter.Heißsporne  vornehm  verschmähend,
den  Landelsbund  aufrecht;  und  nur  weil  sie  der  Gemeinschaft  des  Erwerbes  nicht  entbehren ­
  konnten,  schlossen  die  Löse  von  München  und  Stuttgart  die  Gemeinschaft  der
Waffen  mit  dein  Norddeutschen  Bunde.  Nur  darum  boten  sie  die  Land  zu  jenen
Schutz-  und  Trutzbündnissen,  denen  wir  die  reinsten  Erinnerungen  unserer  neuen  Geschichte ­
  danken.
Das  Bewußtsein,  daß  man  zueinander  gehöre,  daß  man  sich  nicht  mehr  trennen
könne  von  dem  großen  Vaterlande,  war  durch  die  kleinen  Erfahrungen  jedes  Tages
in  alle  Lebensgewohnheiten  der  Nation  eingedrungen,  und  in  dieser  mittelbaren  politischen
Wirkung  liegt  der  historische  Sinn  des  Zollvereins.  Mochten  die  Schulen  der  Albertiner
und  Welfen  der  Jugend  die  Märchen  des  Stammeshasses  und  der  partikularistischen
Selbstzufriedenheit  künden,  —  es  ging  doch  zu  Ende  mit  dem  Philistertum  der  alten
Zeit,  das  an  die  Herrlichkeit  der  Kleinstaaten  kindlich  glaubte.  Der  Geschäftsmann
folgte  mit  seinen  Gedanken  den  Warenballen,  die  er  frei  durch  die  deutschen  Länder
sandte;  er  gewöhnte  sich,  wie  schon  längst  der  Gelehrte,  über  die  Grenzen  des  heimischen
Kleinstaates  hinauszublicken;  sein  Auge,  vertraut  mit  großen  Verhältnissen,  sah  mit
ironischer  Gleichgültigkeit  auf  die  Kleinheit  des  engeren  Vaterlandes.  Der  Gedanke
selbst,  daß  die  alten  trennenden  Schranken  jemals  wiederkehren  könnten,  wurde  dem
Volke  fremd;  wer  einmal  in  dem  .Handelsbunde  stand,  gehörte  ihm  für  immer.  Als
in  den  vierziger  Jahren  die  Handelsverträge  zwischen  dem  Zollvereine  und  dem  Steuervereine ­
  gekündigt  waren,  beide  Teile  gespannt  und  verstimmt  sich  gegenüberstanden,  da
ist  gleichwohl  niemandem  der  Einfall  gekommen,  die  Grafschaft  Lohenstein,  die  Enklave
.Hannovers  im  Zollvereine,  aus  dem  Bunde  auszuscheiden.  And  wieder,  als  nach  dem
Tage  von  Olmütz  der  Lochmut  Österreichs  den  Gipfel  erstieg,  als  die  deutschen
Kabinette  im  wildesten  Lasse  gegen  Preußen  lärmten,  da  hat  wohl  mancher  kleine
Los  für  die  frivolen  deutsch-österreichischen  Zollvereinspläne  des  Freiherrn  v.  Bruck
sich  begeistert;  auszutreten  aus  dem  Preußisch-Deutschen  Bunde  wagte  keiner.  Eine
unerbittliche  Notwendigkeit  stellte  nach  jeder  Krisis  die  alten  Grenzen  des  Zollvereins
wieder  her;  kalte  politische  Köpfe  konnten  stets  mit  mathematischer  Sicherheit  den  Verlauf ­
  des  Streites  im  voraus  berechnen.
Das  Ausland  gab  den  aussichtslosen  Kampf  gegen  unsere  Landelseinheit  bald
auf.  Französische  Staatsmänner  gestanden  achselzuckend:  wir  haben  leider  den  deutschen
Staaten  nichts  zu  bieten,  was  ihnen  die  Vorteile  des  Preußischen  Zollvereins  ersetzen
könnte.  Die  Briten  erhielten  erst  durch  Dr.  Bowlings  Berichte  (1839)  eine  deutlichere
Vorstellung  von  dem  Wesen  des  Zollvereines  und  gewöhnten  sich  fortan,  Preußen
als  den  Vertreter  des  deutschen  Landels  zu  betrachten.  Österreich  mußte  nach  stets
vergeblichen  Störungsvcrsuchen  immer  wieder  dem  Nebenbuhler  freie  Land  lassen  im
deutschen  Verkehrsleben;  nur  dieser  stillschweigende  Vertrag  zwischen  den  beiden  Großmächten ­
  sicherte  notdürftig  den  Bestand  des  Deutschen  Bundes.  Dem  Preußischen
Staate  aber  waren  die  Wege  seiner  Landelspolitik  so  fest  und  sicher  vorgezeichnet,  daß
auch  die  Feigheit  sie  nicht  mehr  verlassen  konnte;  dasselbe  Kabinett,  das  sich  in  Olmütz
demütigte,  hat  durch  den  Septembervertrag  die  letzte  große  Erobenmg  des  Zollvereins
vollzogen.  Die  Aufgabe  war,  den  Landelsbund  auszudehnen;  über  alle  deutschen
Staaten,  aber  keinen  Schritt  weiter.  Schon  im  Jahre  1834  wurde  in  Brüssel,  durch
die  Sorge  vor  Frankreichs  Eroberungslust,  die  Frage  aufgeworfen,  ob  nicht  Belgien
dem  Deutschen  Zollvereine  beitreten  solle.  Preußen  wies  den  Gedanken  zurück,  und
            
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