Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

9.  Die  deutsch-russische  Handelsbilanz.

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reaktionären  Panslavismus.  Er  beseitigte  damit  für  beide  Teile  die  Gefahr  des
unnützesten  aller  Kriege,  wie  uns  von  maßgebender  Stelle,  die  es  wiffen  muß,
bestätigt  wurde.  In  diesem  Sinne  war  der  Handelsvertrag  ein  Bedürfnis  der  auswärtigen ­
  Politik  beider  Staaten.

9.  Die  deutsch-russische  Handelsbilanz.
Bon  Paul  Arndt.
Arndt,  Zum  Abschluß  eines  neuen  deutsch-russischen  Handelsvertrages.  In:  Beiträge
zur  neuesten  fjanbcIspolitiF  Deutschlands,  herausgegeben  vom  Verein  für  Sozialpolitik.  3.  Bd.
Leipzig,  Duncker  &  ksinnblot,  ,yo>.  5.  e—
Die  Erörterungen  über  die  „Bilanz"  des  Außenhandels  spielen  in  den  handelspolitischen
  Kämpfen  unserer  Zeit  noch  immer  eine  große  Rolle.  Die  Erkenntnis,  daß
sich  aus  der  Handelsbilanz  sehr  wenig  schließen  läßt,  ist  nur  spärlich  verbreitet.  Die
Vorstellung,  daß  es  ein  gutes  Zeichen  sei,  wenn  die  Handelsbilanz  „günstig"  ist,  d.  h.
wenn  die  Ausfuhr  größer  ist  als  die  Einfuhr,  ist  kaum  auszurotten.  Die  große  Bedeutung, ­
  welche  man  noch  heute  in  einflußreichen  Kreisen  der  Frage  der  Handelsbilanz
beimißt,  veranlaßt  mich  zu  einem  näheren  Eingehen  auf  die  deutsch-russische  Handelsbilanz. ­
  Es  besteht  tatsächlich  die  Gefahr,  daß  die  beliebte  oberflächliche  Interpretation
dieser  Handelsbilanz  zu  handelspolitischen  Konflikten  zwischen  Deutschland  und  Rußland ­
  führen  kann,  —  wird  doch  schon  jetzt,  anläßlich  der  Debatten  über  die  Erhöhung
der  deutschen  Getreidezölle,  von  beiden  Seiten  die  Möglichkeit  eines  neuen  Zollkrieges  ins
Auge  gefaßt.  Bekanntlich  wird  auf  Grund  der  Handelsbilanztheorie  ein  Zollkrieg
leichteren  Herzens  von  denjenigen  begonnen,  welche  dem  Gegner  mehr  Waren  abkaufen,
als  sic  an  ihn  verkaufen;  in  dieser  glücklichen  Lage  glauben  beide  beteiligte  Parteien
zu  sein.  Es  ist  daher  von  eminent  praktischer  Bedeutung,  die  Grundlagen,  auf  welche
sich  solche  handelspolitischen  Erwägungen  stützen,  auf  ihre  Verläßlichkeit  hin  genau
zu  prüfen.
Untersuchen  wir  zunächst  die  Elemente,  aus  welchen  sich  der  deutsch-russische
Handelsverkehr  zusammensetzt.  Welcherlei  Anlässe  haben  die  Russen,  nach  Deutschland
Waren  zu  senden?  Es  handelt  sich  hier  natürlich  nicht  um  die  Motive  der  Privatpersonen, ­
  sondern  um  volkswirtschaftliche  Gründe.  Erstens  wünschen  die  Russen,  zahlreiche ­
  deutsche  Waren,  welche  sic  in  Rußland  konsumieren  wollen,  aus  Deutschland
zu  beziehen;  sie  tauschen  dieselben  gegen  russische  Produkte,  welche  nach  Deutschland
exportiert  werden,  ein.  Zweitens  haben  die  Russen  viel  Kapital  von  Deutschen  geliehen
und  sind  jetzt  gezwungen,  ihre  Schulden  zu  verzinsen,  teilweise  auch  zu  amortisieren;
dies  bedingt,  da  Edelmetall  hierzu  nicht  in  genügender  Menge  verfügbar  ist,  die  Versendung ­
  weiterer  bedeutender  Warenmengen  nach  Deutschland.  Drittens  verursacht  der
Aufenthalt  zahlreicher  Russen  in  Deutschland  zu  Studien-  oder  Vergnügungszwecken
der  russischen  Volkswirtschaft  weitere  Ausgabe»;  die  Mittel  zur  Unterhaltung  der  nach
Deutschland  gereisten  Russen  kommen  auch  meistens  in  Warenform  in  Deutschland  an.
Viertens  müssen  die  Russen  beträchtliche  Summen  an  deutsche  Kaufleute  und  Transportunternehmer ­
  bezahlen,  welche  einen  Teil  des  Warenverkehrs  zwischen  Rußland  und  dem
Auslande  vermitteln;  diese  Zahlungen  werden  gleichfalls  meistens  in  Waren  geleistet.
Fünftens  haben  die  Russen  ein  lebhaftes  Interesse  daran,  zur  Befestigung  ihrer
Währung  Massen  von  Edelmetall,  namentlich  Gold,  in  ihr  Land  zu  ziehen;  sie  versenden ­
  daher,  um  Edelmetall  aus  Deutschland  importieren  zu  können,  möglichst  große
Warenmengen  dorthin,  die  sie  in  Edelmetall  umzusehen  suchen.
            
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