Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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9.  Die  deutsch-russische  Handelsbilanz.

gegenüber  eine,  um  mich  des  irreführenden  Ausdrucks  zu  bedienen,  „ungünstige"
Handelsbilanz  haben.  Eine  solche  wird  auch  in  der  deutschen  Statistik  des  Außenhandels ­
  Deutschlands  mit  Rußland  nachgewiesen.
Jedoch  stimmen  selbst  die  scharfsinnigsten  Berechnungen  betreffs  der  Handelsbilanz ­
  durchaus  nicht  immer.  Tatsächlich  ist  der  Schluß,  daß  die  Handelsbilanz
Deutschlands  gegenüber  Rußland  in  der  Regel  ungünstig  sein  müsse,  nicht  zwingend.
Es  wäre  dies  allerdings  der  Fall,  wenn  sich  der  wirtschaftliche  Verkehr  nur  direkt
vollzöge.  Der  Handel  wählt  aber  häufig  Amwege,  durch  ein  drittes  Land  oder  durch
mehrere  Länder.
Die  „internationale  Arbeitsteilung"  kann  sich  z.  B.  so  betätigen,  daß  zunächst
Waren  (Roggen)  von  Rußland  nach  Deutschland  geschickt  werden,  daß  dann  aber
keinerlei  deutsche  Waren  als  Gegenleistung  nach  Rußland  ausgeführt  werden,  sondern
daß  dafür  deutsche  Produkte  (Zucker)  nach  England  gehen,  und  daß  endlich  England
ein  entsprechendes  Quantum  seiner  Waren  (Maschinen)  nach  Rußland  sendet.  Infolge
eines  solchen,  meistens  durch  Wechsel  vermittelten  Kreislaufs  kann  Deutschland  Rußland ­
  gegenüber  eine  „ungünstige"  und  England  gegenüber  eine  „günstige"  Handelsbilanz ­
  erzielen.  Es  fehlt  dann  in  der  deutschen  Außenhandelsstatistik  anscheinend  das
Äquivalent  für  die  Roggeneinfuhr  aus  Rußland  und  die  Zuckerausfuhr  nach  Englands
analog  in  der  englischen  und  russischen  Statistik.  Rußland  empfängt  im  vorliegenden
Falle  das  Äquivalent  seiner  Ausfuhr  nach  Deutschland  nicht  ans  Deutschland,  sondern
aus  England.
Ähnlich  verhält  es  sich  mit  der  Anlage  deutscher  Kapitalien  in  Rußland.  Wenn
z.  B.  deutsche  Kapitalisten  im  Innern  Rußlands  eine  Textilwarenfabrik  gründen  und
betreiben  wollen,  so  lassen  sie  möglicherweise  die  zum  Bau  und  zum  Betrieb  der
Fabrik  benötigten  Materialien  aus  Deutschland  kommen;  vielleicht  finden  sie  es  vorteilhafter, ­
  einen  Teil  derselben,  Maschinen,  Rohstoffe  usw.  aus  bezw.  über  England  zu
beziehen.  Dann  erscheint  die  Einfuhr  deutscher  Kapitalien  in  der  russischen  Statistik
teilweise  als  Einfuhr  aus  England.
Ebenso  kann  die  Bezahlung  der  Schuldzinsen  Rußlands  an  Deutschland  auf
Amwegen,  z.  B.  wieder  über  London,  erfolgen.  Die  Russen  verkaufen  in  England
Getreide  und  verwenden  den  Erlös  mit  Hilfe  des  modernen  Kreditverkehrs  zur  Bezahlung ­
  eines  Teils  ihrer  Schulden  in  Deutschland.
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  solche  und  ähnliche  Vorgänge  im  Weltverkehr  die
Handelsbilanz  eines  Landes  gegenüber  einem  anderen  sehr  erheblich  verschieben  können,
ohne  daß  eine  auf  diese  Weise  hervorgerufene  „Angunft"  der  Handelsbilanz  bedenklich
wäre.  Statistisch  erfaßbar  ist  die  Wirkung  des  indirekten  Handelsverkehrs  nur  in
beschränktem  Maße,  weil  man  nicht  weiß,  welche  Leistungen  und  Gegenleistungen  sich
entsprechen.
Der  Versuch,  aus  der  Handelsbilanz  zu  schließen,  welches  Land  aus  dem
Handelsverkehr  größeren  Ruhen  ziehe,  scheint  mir  eitel  zu  sein.  Aus  der  Handelsbilanz ­
  können  keine  handelspolitischen  Grundsätze  abgeleitet  werden.  Die  Endziffern
der  Handelsstatistik  besagen  nicht  viel;  es  kommt  auf  die  Zusammensetzung  der
„Aktiva"  und  „Passiva"  an.
            
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