Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Kanals Rhein-Lannover. 445 
und Eisen. Es ist kaum nötig, bei der allgemeinen Verbreitung dieser beiden wichtigsten 
Erzeugnisse des Berg- und Hüttenwesens besondere Industriezweige als hauptsächlich 
beteiligt herauszugreifen; nicht zum wenigsten sind die mit der Landwirtschaft verbundenen 
Gewerbe, als Brennereien, Brauereien, Zuckerfabriken, Ziegeleien usw., auf billigen 
Brennstoff sowie billige Maschinen und Eisenwaren angewiesen. Der gewöhnliche 
Äausvcrbrauch und die täglichen Bedürfnisse machen jeden einzelnen zu einem an 
mäßigen Kohlen- und Eisenpreisen interessierten Konsumenten. Der Nutzen der geringeren 
Transportkosten kommt indes nicht allein diesem zugute, sondern auch dem Produzenten. 
Die billigen Transportkosten werden in weiterer wohltätiger Wechselwirkung die 
Veranlassung zu einer bedeutenden Äebung gewerblicher Tätigkeit in allen Gegenden 
sein, auf die der Kanal seinen Einfluß ausüben wird. Billige Kohlen und Rohstoffe 
fördern die Industrie und Landwirtschaft, billige Dungstoffe die letztere. Die erfolgreiche 
Bekämpfung fremder industrieller Erzeugnisse auf deutschem Markte und der erleichterte 
Wettbewerb mit diesen im Auslande werden die Arbeits- und Absatzgelegcnhcit für 
alle Erwerbszweige vermehren. 
Wenn die hohen Transportkosten bisher dazu zwangen, die Fabriken möglichst 
in der Nähe der Kohlengruben auf engem Raume zusammenzupressen, wird der Kanal 
mit allen anschließenden Wasserstraßen die Möglichkeit bieten, die Industrie zu 
dezentralisieren und damit eine Mehrung jener sozialen Mißständc zu verhüten, die 
die Folge allzu großer Menschenansammlungen in reinen Industriegebieten sind. Endlich 
werden die ermäßigten Transportkosten Veranlassung zur Erweckung ganz neuer Betriebe 
werden, die sich hauptsächlich mit der Gewinnung bisher wertloser Bodencrzcugnisse 
befassen. 
Ersparung an baren Auslagen, Vermehrung der Gütercrzeugung, Beschränkung 
ausländischer Waren beim eigenen Verbrauch und Verminderung sozialer Äbclstände sind 
die Einzelvorteile, aus denen sich der Nutzen der Transportkostenvcrmindcrung zu 
sammensetzt. 
Im allgemeinen muß daher jedes Mittel, das geeignet ist, die großen Entfernungen 
im eigenen Lande wirtschaftlich zu vermindern, als ein Fortschritt und als eine Stärkung 
gegen den unvermeidlichen Wettbewerb des Auslandes begrüßt werden. Ein Land, 
das wie Deutschland in der glücklichen Lage ist, den überwiegenden Teil seines Bedarfs 
aus eigenen Rohstoffen herzustellen, steht zweifellos in sich am selbständigsten und 
günstigsten da, wenn es im Inlande mit möglichst vielen und möglichst billigen Verkehrs 
wegen ausgestattet ist, wenn seine einzelnen Teile sich also wirtschaftlich möglichst nahe 
gerückt sind. Dann wird auch im eigenen Lande stets Gelegenheit zur Beschäftigung 
und Ernährung zahlreicher Bewohner geboten sein. 
In überraschender Weise hat sich der wirtschaftliche Aufschwung gezeigt, den der 
Eisenbahnbau im Gefolge gehabt hat. Bei den ersten Anlagen und Ertrags 
ermittelungen der Eisenbahnen rechnete man auf Grund des bestehenden Verkehrs mit 
so geringen Zahlen, daß diese durch die Entwicklung in Wirklichkeit bald verzehnfacht 
wurden. Eine gleich unsichere Ermittlung erscheint zwar ausgeschlossen, wenn es sich 
darum handelt, einen Teil des Massengüterverkehrs nunmehr den Wasserstraßen an 
Stelle der Eisenbahnen zuzuweisen, aber immerhin ist es schwierig, die Verkehrszunahme 
richtig zu schätzen. Jedenfalls bleibt zu hoffen, daß, wenn auch nicht in gleichem 
Maße, so doch auch jetzt noch eine erhebliche Steigerung der Transportmengen und 
der gewerblichen Entwicklung die Folge der Frachtkostenermäßigung sein wird. 
Alle Untersuchungen stimmen darin überein, daß der Kanal ein wirksames Mittel 
sein wird, durch billigeren Transport für Lolz in den staatlichen und privaten Forsten 
höhere Preise zu erzielen und namentlich in Grubenholz einen erweiterten Absatz nach 
dem Ruhrrcvicr zu gewinnen. Rheinland-Westfalen ist nicht mehr imstande, den 
Bedarf an Äolz zu decken, in immer steigendem Maße werden andere Gebiete, und 
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