Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

468  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

durch  die  Materialverteuerungen  und  die  Lohnsteigerungen  eigentlich  dazu  gezwungen
gewesen  sei;  man  wolle  vielmehr  durch  den  Trust  eine  weitere  Spezialisierung  und
Verbilligung  durchführen  und  damit  die  Gewinne  zu  erhalten  suchen.
Daneben  glaubt  man  durch  den  Trust  in  der  Lage  zu  sein,  sich  in  der  Beschaffung
des  Rohmaterials  durch  Anlage  eigener  Hüttenwerke  unabhängig  machen  zu  können.
Neben  diesen  Vorteilen,  welche  die  Trusts  bieten,  scheint  mir  ein  Nachteil  nicht
ohne  Bedeutung  zu  sein.  Diesen  erblicke  ich  in  der  Ausschaltung  der  persönlichen
Sorge,  wie  sie  der  frühere  Besitzer  der  Werke  in  eigener  Verwaltung  seinem  Besitze
zuwandte,  und  von  der  in  manchen  Fabrikationszweigen  der  Fortschritt  in  der  Güte
der  Waren  abhängig  war  und  noch  ist.
Da  das  Publikum  im  allgemeinen  die  Empfindung  hat,  daß  die  allgewaltigen
Trusts  ihm  die  Preise  der  Waren  diktieren,  so  sind  dieselben  natürlich  nicht  populär;
man  hat  ja  auch  gesetzliche  Maßnahmen  verlangt,  um  die  Macht  der  Trusts  zu  brechen,
bisher  ohne  durchgreifenden  Erfolg.  Die  wirksamste  Maßregel  würde  die  Änderung
der  Zollpolitik,  ein  Aufgeben  des  Prohibitivsystems  sein;  aber  dafür  sind  meines
Erachtens  in  der  nächsten  Zukunft  keine  Aussichten  vorhanden.  Der  große  wirtschaftliche ­
  Aufschwung  in  den  Vereinigten  Staaten  während  der  letzten  fünf  Jahre  ist  allen
Kreisen  der  Bevölkerung  zugute  gekommen,  wie  sich  dies  in  der  Köhe  der  Löhne  und
der  riesigen  Zunahme  der  Spareinlagen  ausdrückt;  man  fürchtet  sich  vor  einer  radikalen
Änderung  der  Wirtschaftspolitik,  tvie  sie  mit  dem  Wechsel  der  Regiemng  verbunden
sein  könnte,  und  ihren  Folgen.  Dazu  kommt  die  große  persönliche  Beliebtheit  des
Präsidenten  Roosevelt,  so  daß  dessen  Wiederwahl  als  ziemlich  sicher  angesehen  werden
kann,  womit  eine  baldige  und  gründliche  Änderung  der  Zollpolitik  ausgeschlossen  erscheint.
Zur  Anbeliebtheit  der  Trusts  hat  zweifellos  auch  die  Art  der  Gründung  mancher
derselben  beigetragen.  Es  ist  bekannt,  daß  häufig  Werte  in  die  Trusts  aufgenommen
worden  sind,  deren  Vorhandensein  schwer  nachzuweisen  war.  Sodann  sind  Gründerprovisionen ­
  gezahlt  worden,  die  geradezu  unglaublich  sind.  Manche  Trusts  brachen
nach  kurzem  Leben  unter  den  großen  Belastungen  zusammen,  bei  anderen  werden  sie
sich  später  bemerkbar  machen;  aber  man  muß  sich  doch  hüten,  die  ganze  Wirtschaftsform ­
  nach  diesen  bei  ihrer  Entwicklung  gemachten  Fehlern  zu  beurteilen.  Ich  glaube,
daß  sie  bestehen  bleiben  wird,  daß  sic  in  der  Hauptsache  ein  Fortschritt  sein  wird,  und
daß  Amerika  den  anderen  Ländern  gegenüber  durch  die  Macht,  welche  solchen  großen
Einheiten  innewohnt,  einen  Vorsprung  in  der  Konkurrenz  auf  dem  Weltmärkte
gewonnen  hat.

5.  Zur  Entstehung  großer  Vermögen«
Von  Julius  Wolf.
Wolf,  System  der  Sozialpolitik.  Bd.  Sozialismus  und  kapitalistische  Gesellschaftsordnung.
Stuttgart,  I.  G.  Cotta  Nachfolger,  ;sg2.  S.  552—5,57.
Der  Börsengelvinn  wird  vom  gemeinen  Leben  als  Spiel-  oder  Glücksgewinn,
von  der  Nationalökonomie  als  Konjunkturalgewinn  bezeichnet.
Ersteres  ist  er  nun  sicher  nicht.  Von  einem  Glücksversuch  ist  an  der  Börse  nicht
die  Rede.  Niemand  kaust  eine  Aktie  „auf  gut  Glück",  so  wie  er  etwa  ein  Los
erwirbt,  sondern  er  kaust,  wenn  er  zu  Spekulationszwecken  kauft,  lveil  er  glaubt,
gegründete  Hoffnung  auf  eine  Preissteigerung  zu  haben.  Bei  der  mangelnden  Sicherheit
hat  allerdings,  insbesondere  wenn  der  sogen.  Spieler  mit  den  Verhältnissen  nur  wenig
            
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