Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

58  Zweiter  Teil.  Lande!.  III.  Zur  Geschichte  von  Lande!  und  Industrie.

III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie,
besonders  in  Deutschland.

1.  Ideen  über  die  Entstehung  und  Entwickelung  des  Handels.
Von  Gustav  Schmoller.

Schmoller,  Grundriß  der  Allgemeinen  Volkswirtschaftslehre.  t.  Teil.  r—2.  Aufl.  Leipzig,
Duncker  &  fjumblot,  (900.  S.  533—337.
Ein  gewisser  Lande!  und  Tauschverkehr  hat  sich  sehr  frühe  entwickelt.  Wir
kennen  kaum  Stämme  und  Völker,  die  nicht  irgendwie  durch  ihn  berührt  würden.  Die
verschiedene  technische  und  kulturelle  Entwickelung  schuf  in  der  allersrühesten  Zeit  bei
einzelnen  Stämmen  bessere  Waren  und  Werkzeuge;  die  Natur  gab  verschiedene  Produkte, ­
  welche  bei  den  Nachbarn  bekannt  und  begehrt  wurden.  And  überall  hat  sich
die  Tatsache  wiederholt,  daß  der  Wunsch  nach  solchen  Waren  und  Produkten  Jahrhunderte, ­
  oft  Jahrtausende  früher  lebendig  wurde  als  die  Kunst,  sie  herzustellen;  für
viele  war  dies  ja  an  sich  durch  die  Natur  ausgeschlossen.
Der  erste  Lande!  und  Tauschverkehr  war  nun  aber  lange  ein  solcher  ohne  Ländler.
Schon  in  der  Epoche  der  durchbohrten  Steine  gelangen  Werkzeuge  und  Schmucksachen
von  Stamm  zu  Stamm  auf  Tausende  von  Meilen.  Ein  sprachloser,  stummer  Lande!
besteht  noch  heute  ant  Nigers  auf  den  Stammgrenzen  kommt  man  zusammen,  legt
einzelnes  zum  Austausch  hin,  zieht  sich  zurück,  um  die  Fremden  eine  Gegengabe  hinlegen ­
  zu  lassen,  und  holt  dann  letztere.  Innerhalb  desselben  Stammes  hindert  lange
die  Gleichheit  der  persönlichen  Eigenschaften  und  des  Besitzes  jedes  Bedürfnis  des
Tausches.  Auch  auf  viel  höherer  Kulturstufe  finden  wir  noch  einen  Landel  ohne
Ländler,  wie  z.  B.  zwischen  dem  Bauer  des  platten  Landes  und  dem  Landwerker  der
mittelalterlichen  Stadt  lange  ein  solcher  Austausch  der  Erzeugnisse  stattfindet,  ein  Landel
zwischen  Produzent  und  Konsument.  Zwischen  verschiedenen  Stämmen  gaben  die  Läuptlinge
  und  Fürsten  am  ehesten  die  Möglichkeit  und  den  Anlaß  zum  Tausch.  Daher
sind  lange  diese  Spitzen  der  Gesellschaft  die  wesentlich  Landeltreibenden.  In  Mikronesien ­
  ist  heute  noch  dem  Adel  Schiffahrt  und  Landel  allein  vorbehalten;  die  kleinen
Negerkönige  Afrikas  suchen  noch  möglichst  den  Landel  für  sich  zu  monopolisieren.  Ähnliches ­
  wird  von  den  älteren  russischen  Teilfürsten  berichtet;  die  Laupthändler  in  Tyrus,
Sidon  und  Israel  waren  die  Läuptlinge  und  Könige.
Nur  bei  solchen  Stämmen,  die,  entweder  am  Meere  lebend,  Fischfang  und  Schifffahrt ­
  frühe  erlernten  oder  als  Lirten  mit  ihren  Lerden  zwischen  verschiedenen  Gegenden
und  Stämmen  hin  und  her  fuhren,  wie  bei  den  Phönikern  und  den  arabisch-syrischen
Lirtenstämmen,  konnten  sich  der  abenteuernde  Sinn,  die  kühne  Wagelust,  der  rechnende
Erwerbssinn  entwickeln,  die  in  breiteren  Schichten  der  Stämme  Landclsgeist  und  Landelsgewohnheiten,
  sowie  Martteinrichtungen  nach  und  nach  schufen.  Ihnen  steht  die  Mehrzahl ­
  der  anderen  Stämme  und  Rassen  mif|  einer  zähen,  jahrhundertelang  festgehaltenen
Abneigung  gegen  den  Lande!  gegenüber;  sie  dulden  Generationen  hindurch  eher,  daß
fremde  Ländler  zu  ihnen  kommen,  als  daß  sie  selbst  den  Landel  erlernen  und  ergreifen.
So  ist  bei  den  meisten,  besonders  den  indogermanischen  Völkern  der  Landel  durch
Fremde  und  Fremdenkolonien  nur  sehr  langsam  eingedrungen.  Die  Phöniker,  Araber,
Syrer  und  Juden  waren  die  Lehrer  des  Landels  für  ganz  Europa.  Die  Araber  sind
es  noch  heute  in  Afrika,  wie  die  Armenier  im  Orient,  die  Malaien  und  Chinesen
vielfach  in  Ostasien.  Bis  auf  den  heutigen  Tag  sind  in  vielen  Ländern  einzelne  Landelszweige
  in  den  Länden  fremder  Rassen,  wie  z.  B.  in  London  der  Getreidehandel  wesentlich
            
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