7. Der deutsche Kaufmann im Zeitalter der Perücke. 79
etwas gelten, wenn er Beamter war; sonst war er als Steuer- und Plackereiobjekt
gut genug. Gerade in einer Zeit, in der die Konkurrenten der Deutschen, die Engländer
und Lolländer, eine mächtige Landelsblüte erlangten und dadurch das Bürgertum in
diesen Staaten allmählich der ausschlaggebende Faktor wurde, kam der deutsche Bürger
und auch der deutsche Kaufmann auf seinem niedrigsten Standpunkt an.
Die Fürstenmacht war allein ausschlaggebend. Sie schuf zu Gunsten ihrer
Kassen immer neue Steuern und Scherereien, sie vervielfältigte insbesondere die Zölle;
die einzelnen Territorien behandelten sich gegenseitig beinahe wie kriegführende Mächte.
Auf der andern Seite aber machte sie den Kaufmann völlig unselbständig und
abhängig. Nicht nur innerlich beeinflußte der Los, wie wir gesehen haben, die Masse
der Deutschen, er erschien ihnen auch äußerlich als alleinige Quelle alles Gedeihens.
So war der Durchschnittskaufmann vor allem darauf angewiesen, den Bedürfnissen der
Lofgesellschaft gerecht zu werden; er war an dem prunkvollen Leben der kleinen und
großen Residenzstädte, denen der Luxus der Landelsstädte nicht viel nachgab, lebhaft
interessiert. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe, konnte auch der Kaufmann im
Zeitalter der Perücke sagen. Freilich hatte er dabei weniger für einheimische Waren
als für die fremden Modeerzeugnisse zu sorgen. Aber die Abhängigkeit des Kaufmanns
vom Lose beschränkte sich nicht auf dies Moment allein: das gesamte Gedeihen des
Landels schien in dieser Zeit überhaupt von keinem andern Faktor abzuhängen als
vom Willen des Fürsten, der in wirtschaftlichen Dingen als genau so entscheidend
angesehen wurde wie auf der Wachtparade. War der Kaufmann auf der einen Seite
durch die Zollpolitik der einzelnen Länder gefesselt und gehindert, so glaubte man ihn
doch andererseits durch Privilegien, Monopole, überhaupt durch eine wohlwollende
landesväterliche Landelspolitik mächtig heben zu können. Von innen heraus, aus voller
Lebenskraft heraus vorwärtszukommen, war dem Kaufniann damals weder möglich,
noch schien es ihm erstrebenswert. Auf der einen Seite hatten die Fürsten der wirt
schaftliche Rückgang, insbesondere die durch den Dreißigjährigen Krieg herbeigeführte
Verarmung, auf der andern Seite ihre sich fortwährend steigernden Lebensansprüche
und die daraus sich ergebenden finanziellen Nöte bewogen, den Lande! und Gewerbfleiß
nach Möglichkeit zu heben, natürlich nur in ihren Ländern und Ländchen. Daß man
naüonale Landelspolitik treiben könne, diesen Gedanken konnte schon die innere
Zersplitterung nicht aufkommen lassen; höchstens wirkte das Reich noch schädigend durch
Verbote des Landels mit Staaten, gegen die der Kaiser, d. h. das Laus Labsburg,
Krieg führte, wie 1703 der Lande! mit Spanien und Frankreich verboten wurde.
Vielmehr hatte jedes Ländchen seine eigene Landelspolitik, die aber überall gleichartig
war, nämlich künstlich und völlig dilettantisch. Zunächst überwog das finanzielle Interesse
der Fürsten durchaus, man kann von einer regalistischen Epoche der Landelspolitik
sprechen. Mit dem 18. Jahrhundert setzt dann auch in Deutschland jene höhere Stufe
dieser bevormundenden Polittk ein, die sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts
insbesondere in England und Frankreich entwickelt hatte, nämlich die mcrkantilistische.
Der stolze Kaufmann der Lansa und der süddeutschen Städte ist zu einem
abhängigen und bevormundeten Manne geworden. Aber seine Abhängigkeit zeigte
sich auch in anderer, nicht minder wichtiger Beziehung, in seinem Verhältnis zum
Ausland. Wie das geistige und gesellschaftliche Leben der Deutschen damals im Banne
Frankreichs stand, so wurde das kaufmännische von Lolländern und Engländern dirigiert.
Der deutsche Kaufmann stand gewissermaßen im Dienste des fremden, soweit wenigstens
der Großhandel in Betracht kam.
Daß aber trotz aller dieser Schattenseiten das Leben des damaligen deutschen
Kaufmanns doch nicht nur Niedergang und Verkümmerung zeigte, muß hervorgehoben
werden. Ohne gewisse, freilich schwer zu beobachtende Ansätze zu selbständigerer und
gesunderer Entwickelung kann die Zeit nicht gewesen sein: an sie knüpft vielmehr die