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Erwin Respondek,
Freiheit in Gelddispositionen, als ein Vertrauensbruch der Banken an
gesehen. Ihre Kritik identifizierte das Bankmoratorium einfach mit
einer absoluten Illiquidität, ohne alle jene inneren und äußeren Fak
toren, die zur Zahlungseinstellung und -beschränkung zwangen, in Rech
nung zu stellen. Man vergaß so gern die der Geschäfts- und Privat
welt zugebiiligten Verlängerungen der Zahlungsfristen aus Wechsel-,
Vorschuß- und Kaufforderungen, besonders, daß die Verlängerung aller
Verbindlichkeiten aus den Reportengagements große Summen von Kapi
talien, dazu noch eine bevorzugte Kapitalsanlage, die bisher mit am
liquidesten galt, immobilisierte. Daß auch hier alle alten Theorien und
Dogmen der Bankpolitik versagten, kann unmöglich den Banken be
lastet werden.
Allgemeine Panik unter den Depositen-Gläubigern, die nach Wieder
gabe ihrer Einlagen und Depots stürmisch drängten, allgemeines Mora
torium, das den Banken ihre wertvollsten Aktiven unrealisierbar machte
und andererseits ihre Zahlungspflichten beschränkte, eingeschränkte und
später vollkommen aufgehobene Rediskontierungsmöglichkeit bei der
Notenbank, Börsenpanik und Börsenschluß waren nicht die einzigen
Schläge. Noch eine andere Kraft wirkte auf sie ein und erzeugte höchste
Besorgnis und tiefste Bestürzung. Die deutschen Truppen stürmten
eilenden Schrittes in der Linie auf Paris. In den kritischen Tagen
des September flohen eine große Anzahl der führenden Banken nach
Bordeaux. Mit großer Hast wurden bares Geld, Effekten, Wechsel
und andere Dokumente in die ungefährdete Zone gebracht, um die Original
werte vor einer befürchteten Zerstörung zu schützen. Nur wenige
Banken schlossen sich diesem Auszug nach Bordeaux nicht an. Sie
verblieben in Paris, wie sie angaben, um Beruhigung und Vertrauen in
die Bevölkerung zu tragen.
Es war klar, daß unter all diesen gezeichneten einschlagenden Ge
setzesbestimmungen, dem allgemeinen Kriegswirrwarr, die Depositenban
ken annahmen, während der ersten Kriegsraonate ihre natürlichen bank
mäßigen Aufgaben gegenüber den Kunden vernachlässigen zu können.
Schecks auf das Ausland, auch auf die allerbesten englischen und ameri
kanischen Häuser waren bei ihnen nicht zu negozieren. Sie Verweigerten
die Auszahlung von Schecks, die in den von den deutschen Truppen
besetzten Gebieten ausgestellt wurden, auch wenn sie von der Aus
stellung der betreffenden Schecks vorher benachrichtigt waren. Sogar
das Inkasso von Wechseln lehnten sie ab 1 ).
Nach Meldungen des „Temps“ 2 ) standen Kunden vor verschlossenen
x ) So meldet der „Figaro“ am 26. August 1914 das folgende Vorkommnis: Eine
Kaufmannsfirma, die seit vielen Jahren Kundin einer Großbank ist, reichte derselben ein
Paket Wechsel (25 000 Frcs.) auf die Provinz zum Inkasso ein. Die Bank weist die pro
visionsweise Einziehung unter dem Hinweis auf das Moratorium zurück. Die Bemerkung
des Kunden, daß das Moratorium fakultativ und nicht obligatorisch sei, und der Schuldner
bei Präsentation des Wechsels somit zahlen wird, sobald er es kann oder will, blieb ohne
Erfolg.
2 ) Temps, August-Oktober 1914.